Sport : „Deisler wird da wieder rauskommen“

Psychologe Oliver Kirchhof über den öffentlichen Umgang mit psychischen Leiden

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Erst hat Hannovers Fußballer Jan Simak psychische Probleme, jetzt leidet Bayerns Nationalspieler Sebastian Deisler an Depressionen. Ist das Zufall, oder ist ein Tabuthema im Sport öffentlich geworden?

Nein. Es wäre jetzt sehr gewagt, daraus einen Trend zu machen. Aber sicherlich tragen die steigenden Gehälter und Erwartungen dazu bei, dass der Druck auf Leistungssportler immer höher wird.

Mannschaftssportarten sind bisher nicht gerade auffällig geworden mit Fällen von psychischen Erkrankungen.

Und das wird wohl auch so bleiben. Ich sehe hier keinen Tabubruch, sondern die Tatsache, dass Leistungssportler noch immer sehr viel bessere Lebensbedingungen und sehr viel mehr Aufmerksamkeit als der Rest der Gesellschaft haben. Das Selbstwertgefühl von Sportlern ist ja auch eher zu hoch.

Wer selbstbewusst sein will, spricht bestimmt nicht gerne über psychische Krankheiten.

Im Leistungssport zählen Stärke und Wille. Depression ist genau das Gegenteil. Ein Mentaltrainer, das ist noch okay. Aber ein Psychotherapeut! Das ist eine Welt von Krankheit, mit der viele nichts zu tun haben wollen.

Der FC Bayern ist sehr offensiv mit dem Thema umgegangen, hat öffentlich darüber informiert, der behandelnde Arzt hat Deislers Depression erklärt. Ist das hilfreich?

Sicherlich wird das Deisler auch selbst so gewollt haben. Ich finde es auch richtig. Es macht die Öffentlichkeit sensibler.

Gibt es Anzeichen, die eine Mannschaft erkennen kann, wenn ein Spieler depressiv wird?

Ja, wenn jemand antriebslos wirkt, ohne Emotionen, wenn er nicht ansprechbar ist, nicht mehr lacht, kein Mienenspiel hat.

Kann eine Fußball-Mannschaft dann helfen?

Es kommt darauf an wie. Ein flapsiges „Wird schon wieder“ hilft nicht weiter. Es hilft auch nicht, denjenigen ständig aufzufordern, gemeinsame Aktivitäten mitzumachen. Der Kranke braucht Vertrauen, Zeit, Verständnis.

Kann Depression auch eine Spätfolge sein? Zum Beispiel bei Deisler der Fall vom Helden zum Feind bei seinem alten Klub Hertha BSC. Als sein Wechsel bekannt wurde, wurde er beschimpft und ausgepfiffen. Wirkt so eine Erfahrung noch nach?

Man sollte die Entwicklung einer Depression immer auch als Anhäufung negativer Ereignisse sehen. Deislers öffentlich gewordener 20-Millionen-Kredit, der Wechsel zu den Bayern, dann die Verletzungen. Er hat immer gespürt, dass er den Erwartungen nicht gerecht wird. Er war der Hoffnungsträger im deutschen Fußball. Mit all dem muss man erst einmal leben. Seit zwei Jahren gab es für ihn im Leistungsbereich nur negative Erlebnisse. Selbst das hohe Gehalt hat einen doppelten Boden für Deisler.

Deisler hat beim FC Bayern stets versucht, sich abzuschotten, er hat wenig gesprochen, ist kaum öffentlich aufgetreten. Er hat sich auch zum Buddhismus bekannt. Was sagt uns das über den Menschen Sebastian Deisler?

Öffentlichkeit, zu viel Aufmerksamkeit ist ihm unangenehm. Er ist ein schüchterner Mensch, und wenn so einer mit solcher Kraft ins öffentliche Leben gezerrt wird, erlebt er das als bedrohlich, er kann es nicht steuern. Wie immer man das Bekenntnis zum Buddhismus werten will, auf jeden Fall ist es ein Versuch, heraus aus der Öffentlichkeit und hinein in die Innerlichkeit zu kommen.

10 bis 15 Prozent der Deutschen sollen in Deutschland depressiv veranlagt sein. Woran erkennt man das?

Veranlagung erkennt man an bestimmten Verhaltensmustern. Ein melancholischer Mensch neigt womöglich eher zur Depression. Das kann in jungen Jahren beginnen. Aber es muss keineswegs so kommen. Es gibt keine Regel dafür

Was muss Sebastian Deisler jetzt lernen?

Er muss herausfinden, welche Bedingungen für ihn so schlimm waren, dass er sie nicht bewältigen konnte. Das sind nicht immer Verhaltensweisen. Es kann eben auch Druck sein, der daraus entsteht, dass er nicht spielen kann, aber sehr viel Geld verdient.

Wird Deisler, selbst wenn er wieder spielt, jemals diese Situation vergessen können und gesund bleiben?

Warum nicht. Auch ein Alkoholiker kann wieder trocken werden und sich befreien, weil er etwas gelernt hat. Deislers Depression ist nicht die schwerste aller psychischen Störungen. Er wird da relativ schnell wieder herauskommen .

Das Gespräch führte Armin Lehmann.

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