DEJAGAHS LÄNDERSPIELABSAGE : Ein Politikum verflüchtigt sich

Ein Spiel in Tel Aviv, eines in Hamburg – beide ohne Ashkan Dejagah. Szenen nach einer Woche Aufregung.

Frank Heike[Hamburg],Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Das Stadion am Borgweg im Hamburger Stadtteil Winterhude. Hier spielt der Stadtligist VfL 93 Hamburg, doch am Freitagabend suchen ein paar hundert Blicke die Tribüne ab, nicht das Spielfeld. Sie halten Ausschau nach jenem deutschen Nationalspieler, der nicht mit der U-21-Nationalmannschaft nach Israel reisen wollte – aus „persönlichen Gründen“, wie der Deutsch-Iraner Ashkan Dejagah vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) erklären ließ. Iran erkennt Israel nicht an, Dejagah hat Verwandte in Teheran. Deshalb tritt das U-21-Team, in dem Dejagah normalerweise Stammspieler ist, am Freitag ohne ihn in Tel Aviv an.

Ashkan Dejagah soll stattdessen mit dem Bundesligisten VfL Wolfsburg zum Testspiel im kleinen Hamburger Rahmen auflaufen, doch aus dem Mannschaftsbus seines Bundesligisten steigt er nicht. Hat er auch dieses Spiel sausen lassen nach dem Rummel um seine Absage, nach der Forderung von Politikern und vom Zentralrat der Juden, ihn aus der Nationalmannschaft auszuschließen? Wolfsburgs mächtiger Trainer-Manager Felix Magath macht eine wissende Miene und sagt: „Ich habe nur gesagt, dass alle unsere Spieler nach Hamburg fahren.“ Das heiße doch noch lange nicht, dass der 21-Jährige im Mannschaftsbus sitzen müsse. Er ist also alleine gekommen, als Privatperson Ashkan Dejagah, darf die Öffentlichkeit schlussfolgern. Am Ende einer Woche der Aufregung wird es langsam albern.

3000 Kilometer entfernt, in Tel Aviv, ist die Stimmung am selben Tag getragener. Auf der Tribüne steht schon eine Stunde vor Spielbeginn ein einsamer Telefonierer: Matthias Sammer. Während über die Lautsprecher des Ramat-Gan- Stadions ein Friedenslied auf Arabisch ertönt, sagt der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes auf Nachfrage: „Die ganze Sache war in der Mannschaft kein Thema.“ Selbstverständlich werde sie auf der Ebene der Offiziellen besprochen. „Wir haben uns in den Vorbereitungen auf das Spiel auf das Sportliche konzentriert“, sagt Sammer. „Aber natürlich ist die Mannschaft auch über die Vergangenheit aufgeklärt worden.“

Nach und nach kommen die Zuschauer ins Ramat-Gan-Stadion, in dem Israel aus Sicherheitsgründen sämtliche Länderspiele austrägt. Der Stadionsprecher fordert die etwa 8000 Anwesenden, die sich auf einer Tribünenseite der weitläufigen Arena verlieren, auf, „jede rassistische Äußerung zu vermeiden“, er sagt es nicht einmal, nicht zwei- oder dreimal, sondern viermal. „Ehrt die Gastmannschaft und deren Hymne“, ruft der Sprecher, „nochmals keine rassistischen Rufe, keine Buhs bei der Hymne“. Und tatsächlich: Als das Deutschlandlied erklingt, gibt es gar freundliches Händeklatschen, und wie selbstverständlich erhebt sich jeder im Rund. DFB-Präsident Theo Zwanziger, der zwei Tage vor dem Spiel eingeflogen und zur Kranzniederlegung in die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem geeilt war, ist da längst wieder abgereist zum EM-Qualifikationsspiel der A-Nationalmannschaft in Dublin.

Das Spiel in Tel Aviv mag brisant sein, rasant ist es nicht. Für das deutsche Team stellt sich immerhin heraus, dass Dejagahs Absage auch etwas Gutes hat – zumindest sportlich gesehen. Rouwen Hennings, der für den Fehlenden in die Mannschaft gerückt ist, schießt zwei Tore und stellt damit ein glückliches 2:2 (1:1)-Unentschieden sicher. Deutschland präsentiert sich an diesem herbstlich-sonnigen Spätnachmittag zwar als das weniger schwache Team, doch die wendigen Israelis haben erheblich mehr Chancen zum Sieg. Die Zuschauer nehmen all das gelassen hin, bei israelischen Angriffen jubeln sie routiniert mit.

Am Ende einer fairen Partie gibt es Beifall für beide Seiten. „Wir haben nichts gegen uns Gerichtetes und keinen Hass gegen Deutschland gespürt“, sagt Schalkes Torwart Manuel Neuer. „Ganz im Gegenteil.“ Die Pressekonferenz wird von einem Offiziellen mit den Worten eingeleitet: „Kein Wort zu etwas anderem als zum Spiel.“ Alle halten sich daran.

Am Anfang der Woche war Ashkan Dejagah ein Fußballspieler, in der Mitte der Woche ein Politikum. An ihrem Ende ist er ein flüchtiger Geist.

Auch in Hamburg fällt kein Wort mehr zum Fall Dejagah – einem Fall, der im Laufe der Woche kurzzeitig die Bundespolitik in Berlin beschäftigt hatte und den der DFB nun mit einem persönlichen Gespräch mit dem Spieler in der kommenden Woche beenden möchte. Felix Magath, Wolfsburgs Trainer-Manager, hätte vielleicht noch etwas sagen können am Ende dieser aufregenden und aufgeregten Woche. Doch er ist schon zehn Minuten vor dem Abpfiff des Testspiels aus dem Hamburger Stadion am Borgweg verschwunden. Warum? Wolfsburgs Kotrainer Bernd Hollerbach lacht: „Der hat private Gründe.“

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