Sport : Delphin verlässt den Windkanal

Der neue McLaren erzeugt Unruhe bei der Konkurrenz

Karin Sturm

McLaren-Boss Ron Dennis machte große Augen: Als er in Monaco im Fahrerlager der Formel 1 von einer Besprechung mit BMW-Williams-Chef Frank Williams aus dem Motorhome von Williams kam, saß vor der Tür Patrick Head. Aber interessanter als der Chefkonstrukteur von BMW-Williams waren für Dennis die Unterlagen, die Head vor sich ausgebreitet hatte: einen Stapel Fotos, auf denen detailliert der neue Mercedes-McLaren MP4-18 zu sehen war. Das hatte Dennis nun gar nicht so gerne, schließlich überprüfte hier gerade ein Konkurrent das geheimnisumwitterte Arbeitsmittel von McLaren-Mercedes. Aufgenommen wurden die Fotos offenbar vergangene Woche in Frankreich, als der neue McLaren-Mercedes erstmals außerhalb des Windkanals getestet wurde. Die Fotos hatte Head von einem Journalisten bekommen, verbunden mit der Bitte um ein fachmännisches Urteil. „Von außen sehe ich erst mal nicht so viel Revolutionäres“, sagte der Cheftechniker, „aber es ist auch nicht einfach, noch etwas wirklich Revolutionäres zu bauen.“ Aber die Feinheiten des neuen Fahrzeugs liegen natürlich unter der Motorhaube.

Was Head besonders interessierte: „Der Auspuff am Heck ist wieder nach unten in den Diffusor integriert. Das haben wir bei Williams 1999 schon mal ausprobiert. Damit bekommt man eine größere Bodenhaftung, aber wir sind davon abgekommen, weil es sehr schwierig war, diesen Effekt zu erzielen.“ Doch Head traut McLaren-Konstrukteur Adrian Newey durchaus zu, dass der eine Lösung gefunden hat. Generell glaubt Head: „Ich denke schon, dass der neue McLaren um einiges schneller sein wird – nur hoffe ich, dass es noch eine Weile dauert, bis er einsatzfähig ist.“

Bei McLaren-Mercedes ist man sich ziemlich sicher, dass der „Delphin“, wie der MP4-18 aufgrund seiner Form getauft wurde, bald ganz vorne fahren wird. Dass Testfahrer Alexander Wurz beim ersten Test gleich eine exzellente Zeit erzielte, befriedigte die Ingenieure von McLaren-Mercedes. Wie stark das Auto nun genau ist, wird sich in ein paar Tagen herausstellen. Da testet McLaren-Mercedes in Barcelona, der beliebtesten Teststrecke in der Formel 1.

In der Theorie jedenfalls soll das neue Auto bis zu 1,7 Sekunden pro Runde schneller sein als der bisherige Bolide. In der Praxis ist dieser Wert nie zu halten. 1,7 Sekunden in der Formel 1 bedeuteten drei Quantensprünge nach vorn. Aber wenn der MP4-18 nur um 0,5 Sekunden schneller sein sollte, ist er auch schon eine große Gefahr für Ferrari und BMW-Williams. Aber bei McLaren-Mercedes lassen sie sich nicht drängen. „Wir können uns keine Ausfälle erlauben“, sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Aber einen Zeitplan haben sie natürlich trotzdem: Einen Einsatz beim Großen Preis von Europa können sich Dennis und seine Leute gut vorstellen. Das wäre in vier Wochen.

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