Sport : Dem Bundestrainer Reinhard Heß ist der Spaß vergangen

Lutz Rauschnick

Bundestrainer Reinhard Heß wünscht sich endlich wieder Skispringer, die lachend zur Schanze gehen. Das hat er am Mittwoch in Bischofshofen gesagt, am Tag vor der Entscheidung der Vierschanzentournee - und er meint das genau so. Nicht Spaß im Sinne von Fun vermisst der 54-Jährige aus Thüringen, sondern Ursprünglichkeit, Begeisterung für den Sport.

Und es geht nicht nur Reinhard Heß so. Die Veränderungen neben den Schanzen haben neue Gewichtungen bewirkt, Dinge bekommen Bedeutung, die eigentlich Marginalien sind, Unwichtigstes wird aufgebauscht, selbst rein sportliche Ereignisse werden so verbogen und reduziert, dass sie zum fernseh-quotengerechten Image des Senders und seiner Zielgruppe passen. Es ist sicherlich nicht die Vierschanzentournee in Gänze, die ihren Charme verliert. Aber was Vermarktungs- und PR-Aktionismus rund um die deutsche Mannschaft angestellt haben, erfüllt gegenwärtig die Befürchtungen, die seit Monaten von vielen in der Szene formuliert wurden.

"Ich habe die Fäden nicht mehr in der Hand. Es sind Dinge passiert, die hat man nicht voraussehen können." Das steht dafür, dass das Mannschaftsgefüge in Schieflage geraten ist, nach 32 Jahren als Trainer ist er nicht mehr Herr der Lage, "auch wenn man natürlich nicht alles kontrollieren kann". Vorsichtig bemühte sich Heß um persönliche Differenzierung, selbstverständlich hänge es nicht mit RTL zusammen, betonte er, wenn er über die allgegenwärtigen Medienpräsenz sprach. "Andere Dinge" in der Öffentlichkeit seien dazu gekommen - "der ewig Lächelnde sah doch ganz anders aus, Garmisch war das Ergebnis dessen." Übersetzt: Der Rummel, die vielen Fans (alles nicht ganz neu übrigens), Erwartungen der Medien, diese brisante Melange ist für Schmitts elften Rang im zweiten Tourneespringen verantwortlich gewesen. Sagt jedenfalls Reinhard Heß. Und Sven Hannawald habe bereits nach Oberstdorf festgestellt, "so fertig wie heute war ich noch nie". Vorgeblich auch ein Indiz für Trubel, bei dem jetzt kein Jubel mehr aufkommen will. So klingt Reinhard Heß.

Seit Monaten, seit dem Vertrag mit dem Privatsender RTL, dem Schmitt, Hannwald und nach Insider-Angaben auch Heß per persönlichem Kontrakt zusätzlich verpflichtet sind, wird in der Mannschaft darüber philosophiert, dass nun jeder die Chance auf das große Geld habe, er müsse nur weit springen. Aber das tun nur Schmitt und Hannawald. Eine Enttäuschung für den Trainer, für den Hansjörg Jäkle "ein bisschen ein Rätsel ist", der von Alexander Herr und Michael Uhrmann eine Platzierung in den Top Ten erhofft hatte und für den "mein Sorgen- und Lieblingskind Christof Duffner nicht mehr Wettkampf tauglich ist, dabei hatte ich ihn auf der Rechnung".

Das alles ergibt ein Gesamtbild mit äußerst scharfen Kanten, unharmonisch, wenn es auch der erste Kotrainer Wolfgang Steiert anders beschreibt. Aber bei Innenansichten kommt es stets auf den Standpunkt an. Die ob der ganzen Aufregung um das deutsche Team hämisch lächelnden ausländischen Trainer nerven Heß, bei Journalisten merkt er schon an der Fragestellung, "dass sowieso alles auf Sieg rausläuft".

"Obwohl es ein Trauerspiel ist, müssen wir überlegen, wie wir uns abschirmen können. Wir sind in den Mittelpunkt gekommen, weil wir zum Anfassen waren." Martin Schmitt, sagt Heß, erkenne die Gefahren selber und spreche nicht darüber. Genau das ist wohl seine Stärke, aus der heraus er seinen Spitzensport betreiben kann. Wenn der Bundestrainer vor diesem Hintergrund davon spricht, sich Gedanken über die Verpflichtung eines Psychologen machen zu wollen, ist das wenig überzeugend.

Aber vielleicht ist ja Reinhard Heß einmal mehr in die Rolle als Seelendoktor geschlüpft, spielt er den gewieften Taktiker, der Reaktionen provozieren will. Die sind allerdings notwendig, sonst zerbricht das Team. Und dann gibt es künftig weder Spaß noch Fun.

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