Dem HSV droht der Abstieg : Mit rührender Naivität

Der HSV ist auf den Relegationsplatz gestürzt, trotzdem scheint noch nicht allen Hamburgern klar zu sein, wie ernst die Lage ist.

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Zwei zaudern, einer stößt zu. Zwischen den Hamburger Westermann (links) und Tah köpft Schalkes Huntelaar ein zum 1:0. Es war der Anfang vom Ende für den HSV.
Zwei zaudern, einer stößt zu. Zwischen den Hamburger Westermann (links) und Tah köpft Schalkes Huntelaar ein zum 1:0. Es war der...Foto: dpa

Unter den vielen zuletzt sehr schlechten Nachrichten für den Hamburger SV ist eine halbwegs gute untergegangen. Er muss zwar auch am kommenden Samstag wieder Fußball spielen, aber dann ohne den Nachteil, daheim in der Arena am Volkspark anzutreten. Ebendort hat der HSV sich zuletzt nicht sehr wohlgefühlt, viermal in Folge verloren und beim vorläufigen Tiefpunkt, einem 0:3 am Sonntag gegen Schalke 04, noch während des Spiels das halbe Stadion leer gespielt. Marcell Jansen, der glück- und formlose Nationalspieler, hat dieses Hamburger Unbehagen vor Hamburg einmal in den schönen Satz gegossen: „Sobald wir Hamburg verlassen, ist die Energie positiver.“

Bei der Wiederaufnahme der Arbeit nach der Winterpause ist der HSV in der Bundesliga auf Platz 16 abgerutscht. Zur Gegensteuerung fordert Jansens Abwehrkollege Heiko Westermann „Punkte, Punkte, Punkte“, die ersten sollen am Samstag bei der TSG Hoffenheim eingefahren werden. Das verheißt eigentlich einen vergnüglichen Ausflug. Hoffenheim hat als bisher einziger Bundesligist in dieser Saison kein einziges Spiel ohne Gegentor beendet und zum Start in die Rückrunde beim 0:4 dem bis dahin sieglosen 1. FC Nürnberg eine „Anschubfinanzierung im Abstiegskampf“ (TSG-Trainer Markus Gisdol) gewährt.

Gegen Hoffenheim geht eigentlich immer was, aber gilt das auch für den HSV? Die Mannschaft, die zuletzt gegen Schalke dreimal aufs Tor schoss und die in den kommenden Wochen auch noch auf ihren besten, weil einzigen Stürmer verzichten muss? Pierre-Michel Lasogga nahm aus diesem furchtbaren Hamburger Sonntag auch noch einen Faserriss im linken Oberschenkel mit, und es drängt sich zwangsläufig die Frage auf: Wer soll beim HSV eigentlich noch Tore schießen?

Es war sicherlich auch ein bisschen Pech im Spiel, dass am Tag nach der Delegation des Stürmers Artjoms Rudnevs nach Hannover das Kreuzband im Knie von Maximilian Beister riss. Beister wird in dieser Saison keine Tore mehr schießen. Rudnevs schoss gleich eines beim 3:1 in Wolfsburg, und natürlich wird jetzt in Hamburg darüber diskutiert, ob es wirklich so schlau war, ihn abzugeben. Der Schuldenstand von 100 Millionen Euro verbietet Späteinkäufe vor dem Transferschluss am 31. Januar, mal abgesehen davon, dass Last-Minute-Restposten selten schnelle Besserung garantieren. Der einzige richtige Stürmer im Hamburger Kader ist Jacques Zoua. Der Kameruner verfügt über die Erfahrung von 13 Bundesligaspielen und hat auch schon ein Tor geschossen, im vergangenen August beim 4:0 über Braunschweig.

Nun müssen das Toreschießen keineswegs allein die Stürmer besorgen, aber beim HSV kommt auch aus der Etappe herzlich wenig. Rafael van der Vaart zeichnete am Sonntag für einen der drei Torschüsse verantwortlich und spazierte ansonsten wie sein ebenso unauffälliger Nebenmann Milan Badelj im Einheitstempo über den Platz. Hakan Calhanoglu ist eine große Begabung, kann aber mit 19 Jahren in seiner ersten Saison noch keine Mannschaft führen. Und der von Benfica Lissabon entliehene Niederländer Ola John machte sich bei seinem Debüt vorrangig um das Dribbeln um des Dribbelns willen verdient.

„Bei uns fehlt die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit dem Gegner“, sprach Trainer Bert van Marwijk. „Die Schalker haben schon nach ein paar Minuten einen Spieler von uns gefoult. Wir müssen auch mal böse und aggressiv sein.“ Das betrifft keineswegs allein die Bemühungen im Spiel nach vorn. Auch die Abwehrarbeit verrichten die Hamburger mit einer beinahe schon rührenden Naivität. Sehr schön zu sehen war das am Sonntag beim ersten Gegentor, als die Verteidiger Jonathan Tah und Heiko Westermann den Schalker Klaas-Jan Huntelaar eingeklemmt hatten und dieser doch zum erfolgreichen Kopfball kam. „Da hätte ich doch meine Schwiegermutter umgebracht, um das Tor zu verhindern“, grantelte Oliver Kreuzer, der im Leben vor seiner Berufung zum Sportvorstand des HSV ein sehr rustikaler und erfolgreicher Innenverteidiger war.

Alles Indizien für das Mentalitätsproblem einer Mannschaft, in der große Irritation herrscht über eine so nie erwartete Stil- und Ergebniskrise. „Wir kämpfen um den Abstieg“, hat der Niederländer Bert van Marwijk am Sonntag ein paar Mal erzählt, was erstens lustig klang und zweitens zeigt, wie überraschend der tiefe Fall alle Beteiligten trifft. Van Marwijk hat die Niederlande bei der Weltmeisterschaft 2010 auf Platz zwei geführt und zuvor Feyenoord Rotterdam und Borussia Dortmund betreut. Abstiegskampf kam dort nicht vor.

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