Sport : Dem Rausch widerstehen

Der VfB Stuttgart bleibt meisterlich gelassen

Oliver Trust[Stuttgart]

Es gibt auch Enthusiasten in Stuttgart. Nach dem 2:0 über Mainz 05 bereiten sie sich mit großer Vorfreude aufs Feiern vor. Auf die Meisterschaftsparty des VfB Stuttgart. Dabei redet beim VfB offiziell niemand davon.

In den örtlichen Zeitungen bilden ehemalige Meisterspieler von 1992 und andere sportliche Größen einen unüberhörbaren Jubelchor. Das „Public Viewing“ fürs Pokalfinale am 26. Mai gegen Nürnberg wurde bereits vom Marktplatz in der Innenstadt auf die Cannstatter Wasen verlegt. Bis zu 20 000 Zuschauer werden erwartet. In der Klubzentrale, hört man das gerne, will sich aber nicht wirklich daran beteiligen. Der Verein bemüht sich um Gelassenheit und gibt seine Titelträume nur nach und nach preis.

Am Morgen nach dem 19. Saisonsieg beherrschte wieder kontrollierte Offensive den Alltag. Jeder auf dem Trainingsgelände schien zu wissen, was erlaubt ist und was nicht, wobei nichts erzwungen wirkt. Mario Gomez, der lange verletzte Torjäger, durfte sagen: „Ich denke, ich bin in Bochum wieder dabei.“ Gomez soll im Endspurt eine zusätzliche Motivationshilfe sein. Anders als bei Bayern München, Werder Bremen und Schalke 04 muss sich beim VfB keiner um den Betriebsfrieden sorgen. Keiner will weg, die Verträge der meisten Jungstars sind kürzlich erst verlängert worden. Und mit Leidenschaft und Tempofußball erblühte der VfB im Windschatten der Favoriten. „Die Mannschaft ist dem Druck gewachsen“, verkündet Trainer Armin Veh. Was er und Klubmanager Horst Heldt seit Wochen predigen, scheint der jüngsten Bundesligaelf in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Eine Mischung aus Spiellust, unerschütterlicher Konzentration und Selbstvertrauen entfaltet ihre Kraft.

Im Umfeld des VfB Stuttgart geht es derweil immer rasanter zu. In den Fanartikel-Shops bilden sich lange Schlangen, die Preise für Tickets der ausverkauften Spiele erreichen auf dem Schwarzmarkt Höchstpreise, Mitarbeiter des VfB-Kartencenters schoben übers Wochenende Überstunden, um 20 000 Tickets für das Pokalfinale zu verschicken. Der VfB Stuttgart ist der einzige deutsche Verein, der noch zwei Titel gewinnen kann. Die Betroffenen aber arbeiten einfach ruhig weiter. „Es ist doch schön, wenn überall im Stadion Meisterschalen gezeigt werden“, sagt Armin Veh. „Jetzt wird das ein Herzschlagfinale, und es ist toll, dass wir als VfB Stuttgart dabei sein können.“

Gelassen laufen auch im Hintergrund die Bemühungen um Verstärkungen für die neue Saison. Mit Herthas Spielmacher Yildiray Bastürk ist man sich nach offiziell noch nicht bestätigten Erkenntnissen über einen Vierjahresvertrag einig. Das soll aber erst nach der Saison verkündet werden. Ob der VfB sich um den Mainzer Mohamed Zidan bemüht, ist noch nicht endgültig entschieden. Erstens wäre der ägyptische Stürmer mit rund vier Millionen Euro teuer, und zweitens gilt er als nicht eben pflegeleicht. „Mit all dem beschäftigen wir uns dann zu gegebener Zeit“, verkündete Horst Heldt.

Fast eintönig beiläufig klingt es, wenn Trainer Veh dann noch sagt: „Ich mache mein Leben nicht davon abhängig, ob wir Meister werden.“ Nur rund um den Klub bereitet sich eine ganze Stadt aufs Feiern vor. Auf die typisch schwäbische Art. Es wird ein Sponsor gesucht fürs große „Public Viewing“-Fest. Sonst müssen die Fans 6,50 Euro Eintritt zahlen.

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