Sport : Dem Schrecken davonrennen

Kriegsreporter Steffen Schwarzkopf läuft Marathon, um den Kopf frei zu bekommen

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Von Frank Bachner

Berlin. Ein defekter Auspuff klingt ja entfernt wie ein Schuss, eigentlich müsste dieser Knall bei Steffen Schwarzkopf Panik auslösen. Aber er braucht keinen Knall. Schwarzkopf sagt, es genüge, wenn er zu Hause auf seinem Sofa liege und die Wand anstarre. Dann sagt er, kann es sein, dass er wieder dieses Gefühl spürt: „Todesangst, absolute Todesangst.“ In diesen Momenten hört er die Schüsse, die sie hinter ihm losjagen, er sieht sich wieder um sein Leben rennen, weil er nicht weiß, ob die Kugeln ihm gelten oder bloß in die Luft gehen. In diesen Momenten ist der Fernsehreporter Schwarzkopf wieder im Dschungel von Jolo, der philippinischen Insel, auf der die moslemischen Rebellen der Gruppe Abu Sayyaf die Göttinger Familie Wallert fünf Monate lang gefangen hielten. „Das Gefühl von Todesangst kommt nur für Sekundenbruchteile“, sagt Schwarzkopf, aber es ist keine Frage der Zeit. Es ist eine Frage der Intensität. In Sekundenbruchteilen können Lebensabschnitte ablaufen.

Wenn der Sat-1-Reporter Steffen Schwarzkopf läuft, viele Kilometer, dann läuft er vor solchen Bildern weg. Von den Eindrücken, die der Berliner mit sich herumträgt, seit er die ersten Bilder der Wallerts in ihrem Gefängnis fürs deutsche Fernsehen lieferte. Schwarzkopf läuft heute beim Berlin-Marathon (Beginn: 9 Uhr, Straße des 17. Juni). Es ist eine sportliche Herausforderung. Schwarzkopf will 3:20 Stunden erreichen, besser wären noch 3:15, und wenn er heute läuft, dann denkt er an die Zeit und ans Durchkommen und an die Quälerei, die ihn ab Kilometer 35 erreicht. Und „an das große Wort Versagensangst“. Er will durchhalten, in einer guten Zeit, das ist ganz wichtig. Der Berlin-Marathon ist Sport für ihn.

Schwarzkopf läuft schon seit Jahren, und oft genug hatte das dann nicht allein mit Sport zu tun. Beim Berlin-Marathon startet er zum ersten Mal, und gezieltes Marathontraining macht er erst seit Dezember 2001. Sein Laufen hat seit Jahren einiges mit dem Verarbeiten von Bildern und Erinnerungen zu tun, von Erdbebenopfern und Flutgeschädigten und Bürgerkriegstoten in Afghanistan oder im Kosovo. Man kann nicht genau sagen, welchen Anteil dieses Verarbeiten daran hat, dass Schwarzkopf läuft. Er spult die Kilometer ja auch runter, weil er sich fit halten will. Aber Schwarzkopf sagt: „Dass ich da Bilder verarbeite und wieder einen klaren Kopf bekommen will, ist Teil des Ganzen. Ich komme da wieder zu mir selber.“

Schwarzkopf ist so etwas wie ein rasender Reporter. Einer von der Sorte, die nach dem Frühstück zu Hause in ein Krisengebiet aufbrechen. Als vor einiger Zeit in El Salvador bei einem Erdbeben 2000 Menschen ums Leben kamen, lief die Meldung morgens um zehn über den Ticker. Um 11 Uhr 20 saß Schwarzkopf im Flugzeug. Über Miami reiste er ins Katastrophengebiet. In seiner Tasche hatte er seinen Pass und eine Zahnbürste, das war so ziemlich alles. Ein Kollege von Sat 1, der in Miami gerade den Scheidungsprozess von Boris Becker verfolgte, musste ihm Schuhe, ein Hemd und eine kurze Hose kaufen, während Schwarzkopf noch unterwegs war.

Steffen Schwarzkopf ist erst 29 Jahre alt, aber er gehört schon zu einem dreiköpfigen Reporterteam bei Sat 1, das zu allen Brennpunkten der Welt geschickt wird. Und an allen Brennpunkten speichern sich bei ihm Bilder von Zerstörung und Verletzten und Leid und Elend. Bilder, die an Schwarzkopf in den allermeisten Fällen abperlen, weil er Profi ist und „Reporterehrgeiz hat“ und erst abends im Hotel „Privatmensch wird, der sich überlegt, was da passiert ist“. Aber manche Bilder perlen nicht ab, sie verfolgen ihn. Und dann muss Steffen Schwarzkopf laufen. Dann joggt er, um auf andere Gedanken zu kommen.

Jolo war so eine Erfahrung. Der Sat-1-Reporter hatte die Wallerts als erster deutscher Reporter interviewt. Das Rote Kreuz hatte ihn und sein Team ins Camp mitgenommen. Ganz Deutschland verfolgte das Schicksal der Göttinger Familie. Dann durfte er sie ein zweites Mal interviewen. Aber diesmal wollten die Entführer Geld. Schwarzkopf und sein Kameramann hatten aber nur 500 Peso. Die Entführer forderten die Schuhe der beiden. Schwarzkopf gab nach, der Kameramann weigerte sich. „Wir hatten sofort ein Gewehr am Kopf“, sagt Schwarzkopf. Er raunte seinem Kameramann dann zu: „Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die Schuhe herzugeben.“ Kaum hatten sie diese ausgezogen, rannten sie aus dem Camp. Hinter ihnen schossen die Entführer, und Schwarzkopf hatte „zum ersten Mal richtige Todesangst“. Und „da war mir klar, dass mich keine 100 Pferde zurück ins Camp bringen würden. Da interessiert mich auch der Ruhm und die Anerkennung der Redaktion nicht.“

Sonst schon. Schwarzkopf ist in erster Linie Reporter. Er vergisst nicht, wofür er bezahlt wird. Sat 1 ist nicht bekannt für besondere Rücksichtnahme. Der Sender will spektakuläre, notfalls auch schockierende Bilder. Übertriebenes Mitgefühl ist nicht vorgesehen. Und Schwarzkopf ist auch kein Mann dafür. Allerdings ist er auch keiner dieser hartgesottenen Typen, die mit der Zigarette im Mundwinkel die schrecklichsten Bilder filmen. Als er zu den Wallerts kam, da „war das auch blöd. Wir kamen ja wie die Touristen, die das Leid dieser Menschen begutachteten.“ Aber natürlich drehte er. „Zu diesem Zeitpunkt hat es den Wallerts ja geholfen, dass ihr Fall öffentlich wurde.“

Doch es gibt auch diesen Mann in El Salvador, dessen Bild Schwarzkopf nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Der Mann wurde bei dem Beben verschüttet von Schlamm und Geröll, er war im Epizentrum, in einem kleinen Dorf bei San Salvador. Schwarzkopf war dabei, als sie ihn ausgruben. Er war tot, aber er hatte noch einen Gesichtsausdruck, auf dem sich Schrecken und Überraschung abbildeten. „Er musste in dieser Sekunde genau gesehen haben, was auf ihn zukommt, aber er konnte wohl nicht mehr reagieren.“ Wenn er läuft, dann läuft er auch, um dieses Bild zu verarbeiten.

Er läuft eigentlich überall. „Man braucht ja nicht viel“, sagt der Reporter. Er joggte im Central Park, als er nach dem 11. September vier Wochen in New York war, er joggte in Sachsen, als er über die Flutopfer berichtete, er joggte in Kabul, er lief, um sich abzureagieren, um zu verarbeiten, um den Kopf frei zu bekommen. Kaum jemand beachtete ihn.

Und im Kosovo joggte er am Rande der Lebensgefahr. An einer Gabelung auf einem Feldweg lief er, ohne genau zu wissen weshalb, nach links, und als er zurückkehrte, sah er an der Gabelung, dass der rechte Weg inzwischen von britischen Armeefahrzeugen abgesperrt war. Die Soldaten entschärften Landminen. „Ungefähr eine Woche hat mich das beschäftigt“, sagt Schwarzkopf, aber dann war es vergessen.

Aber es werden neue Bilder hinzukommen, Bilder, die er nicht vergessen kann. Was wird sein nächster Einsatz? Schwarzkopf sagt: „Ich schätze, der Irak.“

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