Sport : Demut siegt

Bayern gewinnt bei Inter Mailand – ohne Euphorie

Heiko Specht[Mailand]

Eigentlich haben die Bosse des FC Bayern ja beschlossen, sich nicht mehr vor ihre Mannschaft zu stellen, doch es gibt diese Momente im Leben, in denen man unter erhöhtem Adrenalinspiegel sämtliche Vorsätze über Bord wirft. Uli Hoeneß hat so einen Moment in den Schlussminuten gegen Inter Mailand erlebt, als Fabio Grosso seinen Münchner Kontrahenten Willy Sagnol per Ellbogencheck über die Seitenauslinie beförderte. „Als ich Willy fliegen sah, musste ich eingreifen“, erzählte der Manager, dessen Schutzmaßnahmen so aussahen: „Erst um Willy kümmern, dann habe ich natürlich die Betreuer von Inter darauf hingewiesen, was die da für ein Spiel abliefern.“ Die richtige Wortwahl schien Hoeneß dabei nicht getroffen zu haben, er wurde auf die Tribüne geschickt. „Der Schiri hat gesagt, er wusste gar nicht, dass ich so viele englische Flüche kenne.“ Es war Hoeneß’ erster Platzverweis in seiner gesamten, bereits rund 40 Jahre währenden Karriere.

Im Großen und Ganzen, und das ist die vordergründige Erkenntnis nach dem 2:0-Sieg bei Inter Mailand, war aber zu sehen, dass der FC Bayern auch ohne Hilfe von außen recht gut zurechtgekommen ist gegen am Ende nur noch neun Mailänder. Unerwartet gut sogar, es war der erste Münchner Sieg in Italien seit 18 Jahren, was Trainer Felix Magath veranlasste zu witzeln, „dass wir jetzt endlich wieder Pizza essen gehen können“. Man fahre „hochzufrieden nach Hause“, ließ Hoeneß wissen. Damit hatte man vorher nicht unbedingt rechnen können.

Genau deshalb fiel die Euphorie über den ersten Sieg über eine große Mannschaft nicht zu überschwänglich aus. Der Erfolg könnte ein Wendepunkt der bisher holprigen Amtszeit von Magath werden. Seit dem Triumph in der Champions League 2001 ist den Münchnern kein vergleichbarer Erfolg gelungen, und bei den Bayern weiß man, welche Kräfte solche Siege entfachen können. Bis auf Weiteres steht aber hinter allen Zukunftsprognosen noch der Konjunktiv. „Ich würde den Sieg nur hoch bewerten, wenn wir jetzt auch am Samstag gegen Wolfsburg gewinnen“, sagte Torhüter Oliver Kahn. „Wir dürfen jetzt nicht alles gleich zu hoch hängen.“

Man muss ja nur ein knappes Jahr zurückschauen, um sich weiter in Demut zu üben. Letzte Saison hat Bayern eine ansehnliche Hinrunde hingelegt, unter anderem Juventus Turin bezwungen, doch lange zehren konnte der Klub davon nicht. „Da hatten wir in der Rückrunde ein paar schwarze Wochen, die uns fast alles gekostet haben“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, „wir dürfen jetzt nicht arrogant sein.“ Welche Möglichkeiten man habe, wenn man nicht zu überheblich an die Aufgaben herangehe, habe das Spiel in San Siro gezeigt, so der Vorstandschef: „Wenn wir uns top konzentrieren, sind die Top-Teams nicht so weit weg von uns.“ Und das Finale der Champions League in Athen auch nicht? Rummenigge kniff die Augen zusammen und sagte: „Daran denkt hier keiner. Zwischen uns und das Finale hat der liebe Gott noch viele Spiele gesetzt.“ Oder den Spielplan. Jedenfalls eine Instanz, gegen die selbst ein entfesselter Uli Hoeneß machtlos ist.

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