Sport : Den Finger zum Himmel

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Von Helmut Schümann

Oita. Eine Trainer ist nicht eine Idiot? Eine Trainer wechselt in der 75. Minute Alessandro Del Piero ein und wird belohnt. So geschehen in Oita in Japan, als Italiens einst auf Deutsch so schön radebrechender Coach Giovanni Trapattoni auch nicht mehr recht zu wissen schien, wie er denn nun seine Elf vor der Niederlage gegen Mexiko bewahren könne. Der ausgewechselte Francesco Totti war ziemlich sauer – aber dann musste er doch auch lächeln, als zehn Minuten später Kollege Del Piero den Zeigefinger der rechten Hand küsste und den Finger dann gen Himmel hob, dahin, wo der wohnt, der verantwortlich ist für Italiens Ausgleich, für Del Pieros Kopf, von dessen Stirn der Ball ins Tor fand. Sie hatten ihn nötig, den himmlischen Beistand, und Del Piero hatte ihn auch nötig. Das ist so eine Sache mit Italien und dem 28-Jährigen von Juventus Turin. So ganz genau scheinen sie immer noch nicht zu wissen, was sie an ihm haben, was sie von ihm wollen und bekommen können.

Einerseits ist er mit zehn Millionen Euro netto jährlich einer der bestbezahlten Fußballers Italiens und ein liebenswürdiger Kerl. Es war bei der EM 1996 in England, und in einem Café in Covent Garden saß ein Journalist. Als der Tee getrunken und die Bagels gegessen waren, merkte der Pressemann, dass er Geld und Ausweis und Kreditkarte im Hotel hatte liegen lassen. Man war not amused, und mitten hinein in die Debatte mischte sich ein junger Mann: „I pay“ – viel mehr englische Worte brachte Alessandro Del Piero damals nicht zustande. Der war damals bereits Superstar in der Serie A, marschiert mir nichts dir nichts durch London, rettet Zechpreller vor dem Abwasch in der Küche – und hatte allen Grund sauer zu sein. Das nämlich ist das Andererseits. Der damalige Trainer Arrigo Sacchi hatte Del Piero aufgestellt im Auftaktspiel, ihn zur Halbzeit ausgewechselt und nicht mehr beachtet. Das zieht sich durch die Karriere, dass Del Piero im Nationalteam schwankend, wenn nicht sogar schwach ist.

Es ist auch in Asien keine Selbstverständlichkeit, dass er spielt. Trapattoni setzt im Sturm auf Bullen wie Vieri und nicht auf einen Hänfling wie Del Piero mit seinen 1,73 Meter. Aber Trapattoni ist ja keine Idiot und Del Piero ein netter Kerl und dankt herzlich für den Einsatz mit dem Tor. Und wenn Italien noch weiterkommt, vielleicht sieht man sich mal wieder. Man ist noch einen Tee und ein paar Bagels schuldig.

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