Sport : Den Kopf putzen

Der Norweger Sigurd Pettersen ist der beste Skispringer bei der Tournee – sein finnischer Trainer hat ihm mit ein paar Tricks zu mentaler Stärke verholfen

Benedikt Voigt

Es ist ungewöhnlich ruhig im Frühstücksraum des Hotels Kapeller in Innsbruck. Obwohl sich dort die gesamte norwegische Skisprungnationalmannschaft aufhält, fällt kein einziges Wort. Sigurd Pettersen schmiert sich ein Marmeladenbrot, ihm gegenüber schweigt Björn Einar Romoeren in ein Glas Orangensaft. Auch die übrigen Springer reden nicht. Plötzlich unterbricht das Baby einer Urlauberfamilie mit einem lauten Schrei die Stille. „Na also“, sagt der norwegische Skisprungtrainer Mika Kojonkoski, der vor dem Frühstücksbüfett steht, „ein Lebenszeichen.“

Mit Lebenszeichen kennt sich der finnische Trainer aus. Als er vor zwei Jahren die erfolglose Mannschaft der Norweger übernahm, musste er ihr erst Leben einhauchen. Die Erfolge von Sigurd Pettersen bei der Vierschanzentournee bilden nun den Höhepunkt seiner erfolgreichen Arbeit für den norwegischen Skiverband. Zwar kann der Norweger trotz seiner Siege in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen nicht mehr alle vier Springen gewinnen, wie es Sven Hannawald vor zwei Jahren gelungen war. Denn in Innsbruck belegte der Norweger Rang vier. Doch als Führender in der Gesamtwertung geht der 23-Jährige als großer Favorit auf den Gesamtsieg in das abschließende Springen am Dienstag in Bischofshofen. „Martin Höllwarth springt sehr gut“, glaubt Michael Uhrmann, „aber die Nummer eins ist weg.“

Als entscheidenden Grund für seine Erfolge führt Pettersen stets Trainer Mika Kojonkoski an. „Er hat mir Selbstvertrauen gegeben“, sagt der neue norwegische Sprungstar. Im Januar 2003 gewann er in Sapporo sein erstes Weltcupspringen. Seitdem zählt er zur Weltspitze, doch erst bei der Vierschanzentournee gelang ihm der endgültige Durchbruch. Wie aber hat das Mika Kojonkoski geschafft? „Große Sachen kommen von Kleinigkeiten“, sagt er, „wir haben die Struktur im Verband verändert, bessere Materialien genommen, gut trainiert, und ganz am Ende kommt dann auch das Selbstvertrauen.“ Bereits nach seinem Schanzenrekord von Oberstdorf glaubte Pettersen fest daran, dass er die Vierschanzentournee gewinnen könne.

Es war allerdings für Kojonkoski nicht einfach, ihn auf den richtigen Weg zu bringen. „Er arbeitet sehr gut“, sagt der groß gewachsene Finne mit dem breiten Gesicht, „aber er ist ein Perfektionist, und das ist ein Problem.“ Denn ähnlich wie Sven Hannawald denkt auch der stille Pettersen ständig über seine Sprünge nach. „Er will alles kontrollieren und analysieren“, sagt Kojonkoski. „aber einen Sprung in der Luft kann man nicht mehr kontrollieren.“ Er habe früher zu viel gewollt, das sei der entscheidende Fehler gewesen. „Alles kommt automatisch vom Kopf“, sagt Kojonkoski. Also kümmerte er sich um die mentale Verfassung seines Springers.

Bei der Vierschanzentournee legt er Wert darauf, dass Pettersen abends noch ein Buch liest. „Jeder soll seinen Kopf und Körper putzen“, sagt Kojonkoski. Er meint damit, dass seine Springer bei der Tournee nicht zehn Tage lang an Skispringen denken, sondern auch noch etwas anderes in den Kopf bekommen sollen. Der Österreicher Martin Höllwarth hatte dem Trainer der Norweger zu Tourneebeginn vorgeworfen, das Abnehmen zu sehr zu forcieren. Zumal der schmale Pettersen zu den Leichtgewichten zählt. „Höllwarth weiß nichts über die norwegische Mannschaft“, sagt Kojonkoski. „Roar Ljoekelsoey hat seit zehn Jahren das gleiche Gewicht.“ Über die anderen Springer will er keine Auskunft geben. Abnehmen aber sei nicht sein Erfolgsrezept. „Absolut nicht“, sagt der Finne, „wer zu wenig wiegt, bekommt Ärger mit seinem Nervensystem.“

Worauf er allerdings großen Wert legt, ist die Konzentrationsphase vor dem Sprung. Auf der Schanze ergreift jeder seiner norwegischen Schützlinge spezielle Maßnahmen, um sich mental auf den Sprung vorzubereiten. „Mehr möchte ich nicht erzählen“, sagt Kojonkoski. Vielleicht lässt sich aber damit das gemeinsame Schweigen der Norweger im Frühstücksraum erklären: In Gedanken stehen sie schon auf der Schanze.

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