• Den Mythos fängt keine Kamera ein - Die Vierschanzentournee lebt fernab der bunten Fernsehwelt

Sport : Den Mythos fängt keine Kamera ein - Die Vierschanzentournee lebt fernab der bunten Fernsehwelt

Lutz Rauschnick

Sie haben sich oberhalb vom Auslauf am Bergisel in Innsbruck ihr gläsernes Studio errichtet, die Menschen von RTL, und aus diesem fernen, abgehobenen Adlerhorst heraus vermitteln Günther Jauch, Dieter Thoma und deren Kollegen die Welt des Skispringens. Zumindest halten ganz viele dieser Menschen und ihrer Zuschauer die Einspeisung bunter Bilder und kunterbunter Kommentare in die Fernsehkanäle tatsächlich für das reale Abbild der Vierschanzentournee. Berichte über Martin Schmitt (Teil eins), Martin Schmitt (Teil zwei bis vier) und Sven Hannawald, dazu ein paar Feature-Bilder von Martin Schmitt, vielleicht diesmal von der Präsentation seines vierten Sponsors am Spätnachmittag vor dem dritten Springen, das ist sicher ein Teil der Wirklichkeit. Aber nur ein kleiner, maximal ausreichend für Illusionen.

Seit dem Norweger Erling Krocken, der 1953 vor Sepp "Buwi" Bradl (Österreich) das erste Springen in Oberstdorf gewinnen konnte, ist diese deutsch-österreichische Tournee ein Ereignis, das mit einem zeitgeistigen Event nichts zu tun hat und auch nie haben wird. Wenn sich inzwischen fast 100 Skispringer aus 22 Ländern zwischen Weihnachten und Dreikönig mit dem entsprechenden Tross (ohne Fernseh-Menschen etwa 350 Begleiter, dazu in Garmisch 500 TV-Akkreditierte) von Oberstdorf über Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck nach Bischofshofen bewegen, ist das eine Wirklichkeit, die in kein elektronisches Signal umgesetzt werden kann. Olympische Spiele, Weltmeisterschaften Stationen, sicher Höhepunkte. Aber innerhalb von neun Tagen vier so grundverschiedene Schanzen zu bewältigen, bockige Böcke wie Bergisel beispielsweise, wo schon so viele Hoffnungen zerschellt sind, Emotionen und Glücksgefühle auf engstem Raum und unter ständiger öffentlicher Beobachtung auszuleben, das sind physische und mentale Herausforderungen gleichermaßen, denen letztlich kein rechteckiges Abbild gerecht wird.

Einen Mythos kann man nicht visualisieren. Denn die Tournee lebt trotz aller Marketingkonzepte, überdimensionaler Sponsoren-Auftritte oder aufgestellter VIP-Aufgeregtheiten von den Menschen, in diesem Falle den Typen und Charakteren. Es muss ja nicht immer die Story vom betrunkenen Hemmo Silvenoinen sein, der nach ausgiebig begossenem Jahreswechsel 1955/56 erst auf Intervention seiner Mannschaftskollegen starten durfte und das Neujahrsspringen gewann. Geschichten werden ständig und viele erzählt, der Sport lässt genug Zeit dafür. Und wenn da Heinz Koch und Kari Ylianttila auf dem Sprungtrum stehen, der eine einst Österreichs Übertrainer und heute für die Slowenen verantwortlich, der andere finnischer Tourneesieger 1977/78, der inzwischen US-Springer an die Höhenluft gewöhnen soll, dann ist das auch Ausdruck des Mikrokosmos Tournee, dieser eigenen kleinen Welt, der sich keiner freiwillig entzieht.

Ein Jochen Danneberg (aus der DDR über Korea in die Schweiz) trifft dort auf Hannu Lepistö, nach finnischen Erfolgen inzwischen bei den Italienern entlassen, aber präsent. Ludwig Zajc, der Verantwortung für den ehemaligen Weltcupsieger Primoz Peterka überdrüssig und nach Norwegen umgezogen, lässt sich von dem dreimaligen Triumphator Jens Weißflog interviewen. Vierschanzentournee, das ist im besten Sinne auch eine Art Schmelztiegel, wenn das Wort von der Familie bei so viel Konkurrenz nicht mehr angemessen ist.

Deutsch-österreichische Animositäten sind natürlich auch Teil der Wirklichkeit. Aber uriger geht es zu, wenn etwa Paul Ganzenhuber und Torbjörn Yggeseth, ob ihrer verbliebenen Aufgaben im Weltverband allgegenwärtig, darüber fabulieren, ob man nicht im New Yorker Central Park einmal Skispringen lassen sollte oder darüber philosophieren, wie gut sich Martin Schmitt und Andreas Widhölz bei Olympischen Sommerspielen machen würden. Zwischen Visionen und Wirklichkeiten wird bei der Tournee viel herumscharwenzelt, aber das macht den Charme dieser Tage. Nur oben, in der gläsernen Welt der Fernseh-Matadore, ist kaum Platz für das, was sich nicht mit der Kamera einfangen lässt.

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