Sport : Den Mythos wiederbelebt

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Turniermannschaft, die: Mannschaft, die bei Welt- und Europameisterschaften schlecht spielt und trotzdem immer gewinnt. Meistens Deutschland (aus dem ungeschriebenen Fußball-Brockhaus).

Am Tag danach folgte so etwas wie ein offizielles Dementi. Christian Ziege widersprach den Meldungen, dass sich die deutschen Spieler gar nicht richtig gefreut hätten über den Einzug ins Halbfinale der Fußball-WM. Sollte der Eindruck entstanden sein, dass sie sich sogar ein wenig geschämt hätten ob ihres dürftigen Spiels und des daraus resultierenden 1:0-Sieges gegen die USA, so ist dieser Eindruck falsch. „Die Freude war nicht gedämpft“, sagte Ziege, „wir waren nur einfach zu müde.“

Das passt natürlich: dass sich die Deutschen, die unermüdlichen Deutschen, mal wieder eine Runde weiter gekämpft haben, nicht weiter gespielt. „Wir haben alles, was wir hatten, in die Waagschale geworfen“, sagte Torhüter Oliver Kahn. Spielerische Leichtigkeit gehörte nicht dazu. „Die Deutschen spielten so deutsch, wie es deutscher nicht geht“, schrieb die spanische Zeitung „El Mundo“. Der Mythos lebt: das Bild vom hässlichen Fußball-Deutschen, der die Konkurrenz in Grund und Boden rennt. „Wir stehen im Halbfinale und werden uns sicher nicht dafür entschuldigen“, sagte Marco Bode.

Aber selbst Teamchef Rudi Völler kritisierte das Auftreten seiner Mannschaft als „zu verhalten, zu pomadig“. Man habe das schön öfter gesehen, sagte Bruce Arena, der Coach der Amerikaner, „wenn die Deutschen nicht gut spielen, schaffen sie es trotzdem, das Ergebnis zu erzielen, das sie brauchen.“ Das stimmt wohl, aber kann man die Nationalmannschaft dafür verantwortlich machen, wenn ihre Gegner nicht in der Lage sind, gegen Oliver Kahn ein Tor zu erzielen? Aus keiner Fifa-Regel lässt sich eine Verpflichtung zum attraktiven Spiel ablesen.

Doch am Abend des Spiels schauten sich die Journalisten aus Frankreich, Holland, Spanien und Italien verwundert in der Mixed Zone des Stadions von Ulsan um: Wie kann das sein, was sie da gerade gesehen hatten? Die Amerikaner waren die eindeutig bessere Mannschaft gewesen, aber am Ende gewinnen die Deutschen. Nach den letzten beiden WM-Turnieren und vor allem nach der EM 2000 hatte der Rest der Welt schon geglaubt, diese Epoche sei endgültig vorüber. „Deutschland hat seinen Mythos wach gehalten“, schrieb die französische Sporttageszeitung „L’Équipe“. Aber: „Man muss schon Deutscher sein, um das zu schätzen.“ Fast 20 Millionen Zuschauer sahen das Spiel gegen die USA zur Mittagszeit im Fernsehen. Ziege hat selbst in Fernost aus Telefongesprächen in die Heimat mitbekommen, dass die Menschen in Deutschland auf die Straße gehen, um die Siege ihrer Nationalmannschaft zu feiern. „Das ist das Wichtigste, nicht das, was so genannte Experten sagen.“ Deren Urteile sind nämlich nicht allzu gut ausgefallen. Der Ober-Rechthaber Franz Beckenbauer sprach sich sogar dafür aus, die Nationalspieler für ihr unästhetisches Gekicke gegen die USA körperlich zu züchtigen.

Doch mit der Kritik von außen wächst innerhalb der Mannschaft nur jene Haltung, die frühere deutsche Nationalmannschaften erst richtig stark gemacht haben, dieses Was-wollt-ihr-uns-eigentlich? Wer siegt, hat alles richtig gemacht. In den Achtzigerjahren waren die deutschen Fußballer im Rest der Welt auch deshalb nicht besonders beliebt, weil Typen wie Breitner, Schumacher oder Briegel nicht gerade als fleißige Sammler von Sympathiepunkten auffielen. Es war ihre Arroganz der Erfolgreichen, die die Widerstände im Ausland nur noch größer und sie letztlich nur noch stärker gemacht haben. Davon sind die aktuellen deutschen Nationalspieler nach den demütigen Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit noch weit entfernt. Christoph Metzelder ist nicht Bernd Förster, Dietmar Hamann nicht Paul Breitner, Miroslav Klose nicht Horst Hrubesch, und selbst Oliver Kahn hat das Schumachersche Format noch nicht erreicht, auch wenn Kahn kaum eine Gelegenheit auslässt, den Gegner zu provozieren.

Eigentlich ist die deutsche Mannschaft 2002 noch zu nett, als dass sie zum globalen Feindbild taugte. Die Reaktionen aus dem Ausland folgen eher den traditionellen Reflexen. „Es können alle erzählen, was sie wollen“, sagt Jens Jeremies. „Wir gehen unseren Weg.“ Dass der nicht unbedingt der schönste ist, stört die Deutschen nicht mehr. „Wir rumpeln, wir rumpeln“, sagt Ziege, „aber wir sind unter den letzten vier. Und vielleicht rumpeln wir uns ins Finale und errumpeln uns auch noch den Titel.“ Schöne Aussichten für den Rest der Welt. Stefan Hermanns

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