Sport : Den Platz in den Geschichtsbüchern gesichert

STEFAN LIWOCHA

LOS ANGELES . Brandi Chastain zeigte aller Welt, daß die Emanzipation auf dem Fußballplatz in den USA vollzogen ist. Völlig losgelöst streifte sich die US-Nationalspielerin das Trikot über den Kopf und drehte jubelnd ab. Ihre Teamkameradinnen stürmten über das halbe Feld, um ihre Heldin unter einer Freudentraube zu begraben und auf den Rängen der Rose Bowl lagen sich die Fans in den Armen. Ein schöneres Drehbuch hätte selbst die Traumfabrik Hollywood nicht schreiben können als die Story der bezaubernden US-Fußballerinnen, die eine ganze Nation in Hochstimmung versetzten und selbst Präsident Bill Clinton ins Schwärmen brachten. Das Happy-End im Finale der dritten Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen gegen China ließ allerdings lange auf sich warten. Nach 120 torlosen Minuten hatten die Amerikanerinnen das Glück auf ihrer Seite, als Chastain im Elfmeterschießen den entscheidenden Strafstoß zum 5:4-Endstand verwandelte. "Jetzt haben wir unseren Platz in den Geschichtsbüchern sicher", jubelte US-Coach Tony DiCicco, "Amerika kann stolz auf diese Ladies sein."Und dann ging die Party los. Mit Konfettiregen, Feuerwerk und lauten "U-S-A"-Rufen der Fans. Nach der Überreichung des Weltpokals durch Fifa-Präsident Joseph Batter gingen die amerikanischen Fußballfrauen auf die Ehrenrunde, bei der sie ihr Schuhwerk und die Schienbeinschützer ins Publikum warfen. Torhüterin Briana Scurry, die den Elfmeter der Chinesin Liu Ying gehalten und damit den Grundstein zum Erfolg gelegt hatte, kniete in der Kurve nieder und wurde mit Sprechchören gefeiert. "Es war ein unglaublicher Ritt auf einer Welle der Euphorie", strahlte Scurry, "das ganze Land stand hinter uns." Inklusive des Präsidenten Bill Clinton. Der mächtigste Mann der Welt kam als Stadiongast voll auf seine Kosten. Clinton sprang begeistert von seinem Platz auf, als Chastain den Sieg sicherstellte. Danach ging der US-Präsident zunächst in die Kabine der Chinesinnen, wo er nach lobenden Worten bereitwillig für Erinnerungsfotos posierte. Im Anschluß daran feierte der Staatsmann mit den Siegerinnen. Er sagte: "Es war das aufregendste Sport-Ereignis, das ich jemals erlebt habe. An diesem erstaunlichen Tag haben wir eine Menge über Fußball und weibliche Athleten gelernt."Es war ein Freudentag für Fußball made in USA und ein gelungener Abschluß einer perfekten WM, die in drei Wochen über 650 000 Besucher anlockte und beim großen Finale mit 90 185 Fans einen neuen Zuschauerrekord für eine Frauen-Sportveranstaltung aufstellte. Einziges Manko des Schlußakts waren nur die fehlenden Tore. Auch im Spiel um Platz drei zwischen Brasilien und Titelverteidiger Norwegen hatte es nach 120 Minuten 0:0 gestanden, ehe die Südamerikanerinnen ebenfalls im Elfmeterschießen (5:4) die Oberhand behielten.Doch die Fans störte das alles nicht, wo sie doch bei 40 Grad das gewünschte amerikanische Cinderella-Märchen aufgeführt bekamen. Und schließlich: Auch die Herren (Brasilien und Italien) waren beim WM-Finale 1994 an gleicher Stelle über ein 0:0 nach Verlängerung nicht hinausgekommen, ehe Brasilien im Elfmeterschießen gewann."Der Frauenfußball hat seine Reifepruefung bestanden", erklärte Fifa-Präsident Joseph Blatter, und WM-Organisationschefin Marla Messing freute sich darüber, daß die Veranstaltung mit dem 58 Millionen Dollar-Etat "ein finanzielles Plus" abwerfen wird. Frauenpower pur: Rund 15 Millionen amerikanische Haushalte schalteten ihren Fernseher ein, um das Endspiel live zu sehen.Und zumindest eine Kickerin braucht sich um ihre Zukunft keine Sorgen mehr zu machen. Brandi Chastain dürften nach ihrem Siegtor zahlreiche Werbeangebote ins Haus flattern, zumal die Blondine bereits als nur mit einem Fußball bedecktes Covergirl eine gute Figur machte. "Ich war erstaunlich ruhig und wußte, daß ich treffen würde", meinte die Abwehrspielerin zu ihrem Elfmetertor, "danach habe ich den schönsten Moment meiner Fußballkarriere erlebt und alles um mich herum vergessen." Offenbar auch, daß sie sich vor 90 185 Zuschauern das Trikot auszog. Keine Bange: Sie hatte noch einen schwarzen Sport-BH darunter.

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