Sport : Denkwürdige Explosion

Franck Ribérys gelupfter Elfmeter entscheidet das packende Pokal-Viertelfinale des FC Bayern gegen die Löwen.

Michael Neudecker[München]
Ribery
Der Mann des Abends. Franck Ribéry, Bayerns Held eines denkwürdigen Pokalspiels. -Foto: ddp

Und dann entlud sich alles in einem Schrei, drei Mal peitschte ein Name durch den Nachthimmel über der Arena in München-Fröttmaning. „Ribéry“, brüllten die Fans des FC Bayern den Namen des Torschützen, noch mal „Ribéry“, und dann noch einmal: „Ribéryyy“. Der Franzose hatte dieses Derby entschieden, diesen denkwürdigen Abend Münchner Fußball- und deutscher Pokalgeschichte. Mit einem Elfmeter in der letzten Minute der Verlängerung. Es sei eben so gewesen, wie sich das für ein Pokalspiel gehöre, sagte Uli Hoeneß, aber das war falsch. Es war mehr als das.

Das 1:0 nach Verlängerung im Münchner Derby zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 im Pokal-Viertelfinale bot so viele Geschichten, so viele Dramen, dass es wohl ein wenig dauern wird, bis diejenigen, die auf dem Platz dabei waren, es begriffen haben. Vor dem Spiel hatte irgendjemand ausgerechnet, dass Luca Toni alleine mehr verdient als alle Sechzig-Spieler inklusive Trainer zusammen, und Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld gab zu, „dass nicht jeder von uns heute seinen Gegenspieler gekannt hat“. Erstligist gegen Zweitligist, Berühmt gegen Unbekannt, Reich gegen Arm: Es brodelte in der Arena. Alles explodierte in den letzten Minuten – und Schiedsrichter Gagelmann half dabei noch mit.

Er hatte einen schwierigen Auftrag, gewiss, doch es war nicht sein bester Tag. „Kein Kommentar“, sagte Hitzfeld, nach der Schiedsrichterleistung gefragt. „Dem schließe ich mich an“, sagte Sechzig-Trainer Marco Kurz. Und Uli Hoeneß sagte erst, er sei entsetzt, dann, nach der Gelb-Roten Karte gegen Luca Toni gefragt: „Wir sind doch keine Mönchstruppe.“ Irgendwann sagte er nur noch, dass er jetzt lieber gar nichts mehr sage.

Es gab mehrere knifflige Aufgaben für Gagelmann, die er mit Ausnahme der Gelb-Roten Karte für Sechzigs Markus Thorandt nach einem harten Foul an Ribéry kurz vor Abpfiff nicht immer zur Zufriedenheit aller lösen konnte. Als da wären: das Foul von Sechzigs Benjamin Schwarz an Bayern-Verteidiger Lucio im Strafraum (nicht gepfiffen), die Gelb-Rote Karte für Toni nach einem leichten Schubser (zu harte Entscheidung), die Gelb-Rote Karte gegen Schwarz nach einem Rempler an Ribéry (fragwürdig) und schließlich der alles entscheidende Elfmeter. Chhunly Pagenburg hatte Miroslav Klose gefoult, das war unstrittig – „aber es war vor der Linie“, sagte Marco Kurz. „Auf der Linie“, sagte Hitzfeld. Es war eine kaum korrekt zu treffende Entscheidung, die Kurz schließlich am besten so beschrieb: „In so einer Situation Elfmeter zu geben, das ist waghalsig.“

Zufrieden waren die Bayern trotz des Sieges nicht. „Das Spiel hat genau unser Manko gezeigt“, sagte Oliver Kahn, „wir bestimmen das Spiel, aber letztlich kommt nichts dabei raus.“ In der Offensive fehlten oft die Ideen, hinzu kamen Ballverluste, „die nicht passieren dürfen“, wie Hitzfeld sagte. In Wahrheit aber war es kein Abend für sachliche Analysen. Es war ein Abend der Leidenschaft, der Emotionen. Und es war der Abend des Franck Ribéry.

Der Elfmeter des Franzosen wird lange in Erinnerung bleiben. Erst verwandelte Ribéry rechts unten, Schiedsrichter Gagelmann ließ korrekterweise wiederholen, weil van Buyten zu früh in den Strafraum gelaufen war, und dann tat Ribéry, was man in solchen Situationen nicht tut. Letzte Minute der Verlängerung, 0:0, die Lautstärke in der Arena schwillt noch einmal an, „psychologisch unglaublich schwierig“, sagte Oliver Kahn, „und was macht der?“ Er hielt inne, noch immer fassungslos von diesem Moment, und fuhr fort: „Legendär.“ Ribéry lief an, verzögerte – und lupfte den Ball in die Tormitte. Und dann kamen die Schreie.

Weil also wieder einmal der leidenschaftlich dribbelnde und elfmeterschießende Ribéry den Unterschied ausmachte, können die Bayern für die Partie am Samstag auf Schalke und auch das Pokal-Halbfinale zweierlei mitnehmen. Erstens: Ribéry funktioniert immer, und zweitens: Es ist die Leidenschaft, die große Spiele entscheidet.

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