Sport : Denn sie wissen nicht, was sie tun

Dortmund versagt in den entscheidenden Momenten, verliert das Revierderby 0:1 – und den letzten Rest Selbstbewusstsein

Felix Meininghaus

Dortmund. Es war die achte Minute des Revierderbys zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04, als das passierte, was Schalkes Trainer Jupp Heynckes später als „Schlüsselszene“ einzuordnen wusste: Dortmunds Mittelfeldakteur Torsten Frings steuerte, beobachtet von 83 000 Zeugen im ausverkauften Westfalenstadion und Millionen Zuschauern an den Fernsehschirmen, allein auf den gegnerischen Torhüter Frank Rost zu, umspielte ihn, doch anstatt den Ball aus fünf Metern ins leere Tor zu schieben, sank der Nationalspieler wie vom Blitz getroffen zu Boden. Den ergaunerten Elfmeter verschoss Jan Koller kläglich, und so nahm das Schicksal seinen Lauf, am Ende hatte der BVB mit 0:1 verloren.

Es war eine Situation, die als exemplarisch herangezogen werden kann für das Auftreten einer zutiefst verunsicherten Mannschaft. Auch die Erklärungsversuche nach der Partie waren dürftig: BVB-Trainer Sammer nannte Frings beschönigend ein „Schlitzohr“, die Bezeichnung Betrüger hätte den Sachverhalt genauer getroffen. Ein dummer zudem, denn es wäre wesentlich leichter gewesen, den Ball aus fünf Metern ins leere Tor zu schieben als aus elf Metern mit Torwartbehinderung. Der Täter selbst gab an, er habe „da was gespürt, sonst hätte ich mich doch nicht fallen lassen“. Die Hand von Rost kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es die Angst vor dem Absturz, die am kalten Freitagabend im Dortmunder Lager zu kollektiven Ausfallerscheinungen geführt hat. Der wirtschaftlichen Krise könnte nun auch dauerhaft die sportliche folgen.

In sämtlichen entscheidenden Momenten erwiesen sich die BVB-Profis als nervlich überfordert: Da war die völlig unnötige gelb-rote Karte für Tomas Rosicky, als der kleine Tscheche kurz vor der Halbzeit seinen Gegenspieler Levan Kobiaschwili aus Frust über einen zuvor nicht erhaltenen Strafstoß an der Seitenlinie rammte. Oder der zweite vergebene Elfmeter, als Schalkes Manndecker Thomas Kläsener den Dortmundern zu Hilfe kam, indem er den Ball im eigenen Strafraum mit dem Unterarm spielte. Ein Geschenk, das Frings leichtfertig ablehnte, seinem Schuss fehlte Mut und Willen.

Als sei der Dortmunder Niedergang bereits vor dem Anpfiff als tragische Inszenierung geplant worden, schoss Ebbe Sand eine Minute vor dem Spielende auch noch das Tor des Tages. Es war, als hätte der BVB um dieses Ende gebettelt. In der Psychologie nennt man dieses Phänomen „sich selbst erfüllende Prophezeiung“.

Damit ist die sich abzeichnende Wachablösung im Revier bereits am ersten Spieltag der Rückrunde vollzogen worden. Später sprach Sammer davon, es sei zu sehen gewesen, „dass die Spieler einen Rucksack aufhaben. Das sind ja alles Menschen, die nicht mit Scheuklappen rumlaufen. Die bekommen doch genau mit, was im Moment läuft“. Dabei sei es gerade in der angespannten Lage wichtig, „Erfolgserlebnisse zu haben“.

Von diesem Gefühl, sich aus dem Tief zu befreien, wusste ein Spieler in Blau und Weiß zu berichten. Ausgerechnet Ebbe Sand entschied das Bruderduell im Herzen des Ruhrgebiets. Der alternde Stürmerstar war von Trainer Heynckes nicht nur auf die Bank beordert worden, sondern hatte später auch die Schmach ertragen müssen, dass ihm beim Auswechseln ein 18-jähriger Nobody namens Michael Delura vorgezogen wurde. Dabei war Sand nach null Toren in der Hinrunde mit einem Video auf die Partie in Dortmund eingestimmt worden, auf dem seine schönsten Tore im Schalker Dress zu sehen sind.

Und dann – als sei auch dies eine bewusste Entscheidung des unsichtbaren Regisseurs – gelang dem ehemaligen Torschützenkönig das Tor des Abends, nachdem er von Hamit Altintop wunderbar in Szene gesetzt worden war. Nach dem Abpfiff gab der Held des Derbys an, er sei „immer noch müde vom Jubeln“. Jeder könne sich vorstellen, „was das für ein Gefühl für mich ist“. Und dann hat der clevere Däne noch etwas Lustiges gesagt: „Ich muss jetzt versuchen, die Tore weiter so kontinuierlich zu machen.“ Ein durchaus gewagter Satz von einem, dem der erste Treffer im 18. Saisonspiel gelungen war.

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