Depression im Fußball : Schatten seiner selbst

"Das nächste Unheil kommt bestimmt, dann ist alles wieder vergessen". Nach dem Tod von Robert Enke kam alles wieder in ihm hoch. Ein Fußballprofi, der auch an Depressionen litt und seine Karriere beenden musste: Jahrelang hat er geschwiegen. Nun offenbart er sich im Tagesspiegel. Seinen Namen will er nicht öffentlich nennen – aber seine Geschichte erzählen, damit sich im Fußball etwas ändert.

Ein Interview Michael Rosentritt
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Foto: Imago

Sie leiden seit Jahren an Depressionen. Haben Sie deshalb im vorigen Sommer Ihre Karriere als Profifußballer beendet?



Ich habe zehn Jahre im Profifußball gespielt. Am Ende zwangen mich meine Panikattacken und Angstzustände und die Schmerzen, unter den ich spielte, mich von meinem Traum zu verabschieden. Ich hätte kein Spiel ohne psychologische Behandlung mehr geschafft. Ich habe jahrelang das Umfeld, die Vereine und Mitspieler nicht darüber informiert und versucht, die Probleme mit Therapien und Überspielen in den Griff zu bekommen.

Sie sind auf den Tagesspiegel zugekommen, um Ihre Geschichte zu erzählen. Warum öffnen Sie sich jetzt?

Das hängt sehr mit dem tragischen Fall Robert Enkes zusammen ...

... der Nationaltorwart, der an Depressionen litt und sich selbst tötete.

Ja, das ist ein paar Wochen her und es wird wieder weggesehen. Und zwar so hartnäckig, dass es für mich unerträglich ist. Das ist kein Einzelfall, es gibt diese Probleme im Profifußball. Ich weiß, wovon ich spreche.

Wie viel Mut gehört dazu, zu dieser Krankheit offen zu stehen?

Diese Krankheit, die als Sinnbild für Schwäche und Versagen steht, passt nicht zu diesem Leistungssystem. Es wird schwer, eine Selbsthilfegruppe zu finden, weil jeder froh ist, sich damit nicht identifizieren zu müssen.

Kritisieren Sie den öffentlichen Umgang mit dem Fall Enke?


Überhaupt nicht. Er litt an Versagensängsten, daran, es nicht allen recht machen zu können. Ich habe ihn oft beobachtet, ich wusste nichts von seiner Krankheit, aber er passte da irgendwie nicht rein. Er lief neben seinem Image her.

Wie kommen Sie darauf?


Mir gefiel seine Sensibilität, die er sich bewahrt hatte. Das findet man nicht oft. Ich kenne welche, die sehr viel Geld verdienen, die ihr Geld zeigen. Dürfen sie ja auch. Enke zeigte Fürsorge. Er verkörperte etwas, mit dem man sich identifizieren konnte. Meine Freundin schaute sich die Berichterstattung wegen Frau Enke an, da sie zum Teil dieselben Worte benutzt: Komm, das schaffen wir schon! Fußball ist nicht alles! Wir haben uns doch! Aber ich kriege einen Vogel, wenn ich höre, dass das DSF mit vielen Kameras da war, selbst vor der Kirche, um Trauernde beim Busaussteigen zu filmen, und noch zwei Leute im Studio sitzen wie bei einem Livespiel. Ich muss nicht die halbe Nation vor dem Fernseher sitzen haben, um an etwas teilzunehmen, wovon die meisten keine Ahnung haben.

Viele waren ehrlich betroffen.

Das glaube ich sofort. Denen gegenüber bin ich ungerecht. Doch für mich ist der Übergang in diesem Punkt von Teilnahme zum Voyeurismus fließend.

Leiden Sie heute an Depressionen?

Ich habe zwölf Jahre beim FC Bayern gespielt, bis hoch zur A-Jugend, wo ich schon die Ellenbogengesellschaft zu spüren bekommen habe.

Das gehört zum Leistungssport.

Schon, aber es geht immer um das Wie. Wer damals als Spieler hinzukam, der war kein Kollege, sondern ein Feind.

Der bekämpft wird nach dem Motto: Den lassen wir hier nicht rein?

Nicht wir, sondern: Ich lasse ihn hier nicht rein! Ellenbogen raus! Das wurde gefördert, und es wird ja immer schlimmer im Jugendbereich. Da werden schon Sieben- und Achtjährige gescoutet und in Datenbanken erfasst, die über Jahre hinweg verfolgt werden. Dann wird gesagt: Wir holen vier Neue, dafür gehen vier raus. Was aus denen wird, interessiert keine Sau. Ich war damals noch Spielführer, bekam dann aber woanders einen Profivertrag.

Sie waren am Ziel.

Nein, der Trainer war damals kein Freund der Jugendförderung. Der hat einen gern vor allen anderen kritisiert. Nach eineinhalb Jahren war ich da fertig, mundtot. Ich wollte alles hinschmeißen und nach Neuseeland auswandern.

Warum das denn?

Weil es weit weg war. Ich wollte alles aufgeben, wofür ich in der Kindheit und Jugend gearbeitet hatte. Aber dann kam ein Angebot eines ambitionierten Klubs. Ich nahm es an, konnte aber keinen Ball mehr stoppen. Ich habe den Käfig mitgenommen, ich konnte nicht mehr.

Welchen Käfig?

Ich meine die seelische Beklemmung. Ich wusste damals nichts von Depressionen. Ich war mit 18 körperlich stark ausgebildet, aber ich wusste nicht mehr weiter. Ich hatte für zwei Jahre unterschrieben und wusste nicht, wie ich das schaffen sollte.

Sie gingen zu einem Therapeuten?

Ich vertraute mich meiner Schwester an, die Sozialpädagogik studierte. Sie gab mir die Nummer einer anonymen Anlaufstelle. Dort wurde mir nach einer Stunde gesagt: Sie brauchen Hilfe.

Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen?

Mit dieser Diagnose ist der Ofen erst einmal aus. Nicht nur versicherungstechnisch. Ich habe den Arzt überredet, dass er die Diagnose abflacht.

Wie oft waren Sie beim Therapeuten?


Damals zweimal die Woche, jeweils vor dem Training. Das wusste kein Spieler im Klub, nur noch meine Freundin und meine Eltern. Sie dachten: Der hat alles im Griff, der geht dahin, der macht was. Seltsamerweise war ich in dieser Zeit am erfolgreichsten auf dem Feld. Die Behandlung hielt ich etwa drei Jahre durch. Das glaubt mir ja keiner. Wenn ich am Wochenende zum Spiel fuhr und aus dem Bus stieg, war plötzlich alles zu, meine Muskeln wurden hart, ich begann zu zittern. Ich wusste nicht, wie ich in die Kabine komme.

Und so konnten Sie spielen?

Teilweise ging das nur mit Spritzen in der Halbzeit. Ich habe mir weiß ich was einfallen lassen, damit die Krämpfe sich lösten. Ich hatte in all den Jahren vielleicht zehn Spiele, in denen ich keine Krämpfe hatte.

Was sagte der Vereinsarzt?

Es wurde ein Blutbild gemacht, bei dem sämtliche Werte kontrolliert werden. Alles war okay.

Für Sie auch?

Die Auswärtsspiele waren am schlimmsten. Da war die Stimmung aggressiver, auch ich war aggressiv. Es gab kaum ein Spiel, in dem ich nicht gefährdet war, vom Platz zu fliegen. Ich habe die Spieler beschimpft – das war ein Schutz. Ich habe mich nicht gekannt auf dem Platz. Danach war ich völlig ausgebrannt. Es gab Spiele, da musste ich mich hinterher in der Kabine behandeln lassen, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen.

Was war der Grund der Krämpfe?


Ich hatte Angst. Ich liebe diesen Sport, aber das Umfeld vertrug ich immer weniger. Ich meine das Publikum.

Weil es Sie dabei beobachtet?


Richtig. Ich hatte Angst vor Peinlichkeiten, eventuell über den Ball zu treten. Oder sich früh im Spiel zu verletzen. Ich war froh, wenn ich bis zur Halbzeit durchhielt. Ich war manches Mal wie gelähmt.

Erklären Sie das bitte.


Es ist wie im Kino. Hol dich mal bewusst aus dem Film raus und beobachte die Leute ringsum. Dann gehst du das nächste Mal ins Kino und beobachtest nur noch die Leute und nicht mehr den Film. So war es bei mir. Ich bin rein ins Spiel und habe mich selbst beobachtet. Ich habe jeden Ball berechnet, der in meiner Nähe war. Anstatt mich auf meine Instinkte zu verlassen, habe ich versucht, nur bewusste Entscheidungen zu treffen, aber dafür reicht die Zeit nicht. Mit den Jahren wurde ich immer verletzungsanfälliger, und ich fürchtete, meine Ziele nicht zu erreichen. Ich versuchte meine Versagensängste durch Aggressivität zu überspielen. Später bekam ich eine Gürtelrose. Es wurde immer schlimmer.

Warum haben Sie sich dem Vereinsarzt nicht anvertraut?

So weit war ich damals nicht. Ich wollte auch nicht, dass jemand Verdacht schöpft. Als mir morbide Gedanken kamen, bin ich zur Therapie. Später brach ich sie ab, weil ich dachte, dass sie mir im Weg steht. Ich wollte in die Bundesliga, das war mein Traum.

Was haben Sie sich davon versprochen, in die Bundesliga zu kommen?


Alles, schon als Kind sah ich meinen Namen auf der Anzeigetafel im Olympiastadion.

Sie haben sich in Ihrer Fantasie nicht auf dem Rasen gesehen?

Das ist interessant, nein, nicht auf dem Rasen, nur auf der Tafel.

Wie haben Sie sich vor den Spielen von Ihren Problemen abgelenkt?

Ich wusste nicht: Soll ich ruhige Musik hören oder laute oder vielleicht aggressive? Manchmal bekam ich Magenkrämpfe und musste mich übergeben vor Nervosität. Parallel dazu habe ich dann viele Substanzen ausprobiert, um mich runterzuholen.

Was waren das für Substanzen?

Irgendwann sagte ein Arzt zu mir: Ich geb dir mal was, damit du runterkommst. Ich habe vieles ausprobiert. Auch Alkohol. Das funktioniert nicht, kann man gleich streichen von der Liste.

Das blieb doch nicht verborgen, oder?

Später natürlich nicht. Ein paar Mitspieler haben das mitgekriegt, dann habe ich gesagt: Komm, hau ab! Die Physiotherapeuten hatten dagegen nur Angst, dass da was dabei ist, was auf der Dopingliste steht. War es aber nicht.

Wann nahmen Sie etwas ein?

Optimal waren zwei Tage früher – wenn du Samstag ein Spiel hattest, also Donnerstag. Aber es konnte auch in die Hose gehen, sodass du im Spiel nicht voll da warst. Die Gedanken arbeiten nicht mehr so, ich konnte abends vor dem Spiel gut schlafen, war anderntags ausgeruht und leistungsbereit. Es hat mich komplett verstellt. Zum Spielen war das gut, du bist entspannt. Schön war’s.

Und niemand hat was gesagt?

Doch, später. Dann sagte man mir: Geh’ doch mal zum Psychologen. Ich antwortete nur: Da war ich schon. Ich ließ mich dann operieren. Das war auch eine Art Rechtfertigung. Ich wollte denen sagen: Es ist nicht mein Kopf, sondern das Knie.

Warum?

Ich habe mich zum Teil selbst belogen. Anders als die körperlichen wollte ich die seelischen Erkrankungen nicht wahrhaben. Die Diagnose ist hart; sie verstecken zu müssen ist fast noch schlimmer. Ich habe es niemandem gesagt. Heute bin ich mir sicher, dass es sonst vorbei gewesen wäre mit meiner Karriere.

Sebastian Deisler wählte 2003 einen offenen Umgang mit dieser Krankheit.

Ich fühle mich solchen Menschen verbunden. Aber ich habe mich nicht damit identifiziert. Deisler hat das vielleicht von dem allerletzten Schritt abgehalten. Aber das System ist überfordert mit dieser Diagnose.

Warum haben Sie Ihre Krankheit nicht angenommen?

Die Diagnose ist unvereinbar mit dem Traum, Bundesligaprofi zu werden. Für mich galt: Wenn ich in der Bundesliga bin, dann ist die Krankheit bezwungen. Verrückt, was?

Sie hätten die Behandlungen im Geheimen fortführen können.

Das Risiko, dass es rauskommt, wuchs stetig. Ich habe während der Therapie mit dem Arzt kaum gesprochen. In meiner besten Phase, sportlich gesehen, habe ich eine Stunde dringelegen und kein Wort gesagt.

Was haben Sie dann gedacht?

Nichts sagen, nichts denken, das war’s. In meinen Träumen war ich immer oben – auf Bäumen, auf Türmen, auf hohen Gebäuden. Und immer wackelte alles, drohte zusammenzubrechen. Ich kann mich an Flugzeugabstürze erinnern. Aber in der Realität hatte ich nie Flugangst. Ich glaubte aber, dass man mir meine Panikattacken auf dem Platz ansah. Das Thema Bundesliga war irgendwann durch. Ich legte mir weiterhin Infusionen.

Zu Hause?

Ja. Und bei jedem Spiel hatte ich was dabei, was mich runterholt. Dafür braucht man keine Ärzte. Man kann sich über die DFB- und DFL-Internetseiten relativ gut informieren, was Doping ist und was nicht. Ich hatte bei zwei Apotheken eine Kundenkarte. Bei mir waren oft die Lichter aus.

Dieses Versteckspiel muss schlauchen!

Ich konnte nie vor drei oder vier Uhr einschlafen. Und das siebenmal die Woche. Das geht an die Substanz. Im Training war ich super. Ich habe so gut trainiert, dass ich wieder hätte spielen müssen. Dann wäre die Scheiße wieder losgegangen. Davor hatte ich Angst. Der Trainer ignorierte mich, und ich war froh drum.

War es am Ende die Erschöpfung oder die Angst, entdeckt zu werden?

Die früheren Mitspieler habe ich angelogen. Für sie war klar, dass ich nach den Operationen nicht mehr konnte. Für jeden war die Geschichte geschrieben.

Plagen Sie heute Versagensängste?

Klar. Die Zweite und Dritte Liga sind ja Schwellenligen. So viel verdienst du nicht, dass du ausgesorgt hast. Du musst schon bald was finden, womit du Geld verdienst. Ich habe den Fußball verlassen, aber die Ängste begleiten mich weiter. Im Fußball ist es so, dass du mit Menschen zu tun hast, die kaum Sensibilität zeigen. Deisler hat den Mut gehabt. Ich nicht.

Hat sich durch Enke etwas verändert?

Vielleicht für ein paar Tage. Und vorbei. Das nächste Unheil kommt bestimmt, dann ist alles wieder vergessen. Nach Enke war es der Wettskandal.

Was sollte sich verändern?

Der Fußball hat eine gewisse Kultur. Ich kann von keinem Fan erwarten, dass er überdenkt, warum er dem Spieler bestimmte Dinge zuschreit. Ich kann nicht verlangen, dass der Fan seine Emotionen zu Hause lässt. Die logische Konsequenz wäre, dass alle still im Stadion sitzen, oder eben gar niemand.

Sie hat der Fall Enke auf unangenehme Weise berührt. Warum?

Ich finde es nicht schlimm, wenn ein Mensch Gedanken hegt, die dem Leben nicht zu zugetan sind. Ich kann verstehen, dass er es getan hat. Er hatte einen Rucksack, der 100 Mal so schwer war wie meiner. Ich weiß, wohin es mit einem galoppieren kann, wenn diese negativen Gedanken Überhand gewinnen. Ich weiß nicht, wie oft er für sich probiert hat, da rauszukommen, wie oft er sich gesagt hat, dass es nicht nur den Fußball gibt, und festgestellt hat, dass es für ihn nicht geht. Obwohl er doch alles hat: Familie, Liebe, Anerkennung, sportlichen Erfolg und Geld – er bringt sich verdammt noch mal um. Es war am Ende nur der Gedanke: Es geht nicht. Es geht nicht!

Sie kennen solche Gedanken?

Wenn ich mich auf gute Dinge fokussierte, erreichte ich genau das Gegenteil. Das ist bei Menschen so, die sich in ihren Gedanken verrannt haben. Was du fokussierst, das Positive, die Überzeugungen, das Leben, wird vom Negativen überlagert. Der Depressive wird nur darin bestätigt, dass es nicht geht.

Wie gehen Sie jetzt nach Ihrer Karriere damit um?

Ich bin wieder in Behandlung. Der Depressive treibt mit seinen Gedanken irgendwohin. Es ist schwierig für den, der an der Seite eines Depressiven lebt. Allein schon dessen Gedanken, Sorgen und Ängsten zu folgen. Die Gedanken eines Depressiven suchen sich ihren eigenen Gang, wie in einem Labyrinth. Ich bin immer zwei, drei Schritte voraus. Der andere kommt nie nach.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Die Angst, dass mir keiner helfen kann, habe ich nicht. Ich bin diesen letzten Schritt nicht durchlaufen. Das ist eine total bewusste Tat, sich selbst zu töten. Das ist eine Entscheidung, die in einem Körper stattfindet, der völlig anders funktioniert, denkt, fühlt, anders entscheidet.

Was treibt Sie heute an?


Meine Intention liegt darin, zu sagen, dass es auch nach Deisler und Enke Menschen mit solchen Problemen gibt. Egal, ob im Sport oder anderswo. Mit Gemüt kann man mitunter mehr erreichen als mit harter Arbeit. Es gibt Leute, die es mit einer Scheißegal-Haltung weit bringen. Im Fußball hast du keine Chance mit dieser Krankheit. Heute weiß man fast alles über den Gegner. Der Trainer sagt vor einem Spiel: Du, dein Gegner hatte mal eine Knieoperation unten rechts, also du weißt, wo du mal hintreten musst, oder der ist leicht reizbar – reize ihn mal! Das wird im Fußball bewusst eingesetzt. Das ist eine Waffe und darauf wird man nicht verzichten wollen.

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