Sport : Der Abend, an dem sich alles gelohnt hat

DIETMAR WENCK

Henning Harnisch reißt Alba zur besten Saisonleistung mit / Pesic: Man muß zufrieden seinVON DIETMAR WENCK BERLIN.Schon vor dem Spiel war es ein Spiel so recht nach dem Geschmack von Henning Harnisch.Als die beiden Mannschaften zur Vorstellung aufs Feld gerufen wurden, blickte der Basketball-Profi von Alba Berlin lächelnd, halb entrückt ins vollbesetzte Rund der Schmeling-Halle.Ein wenig wirkte es, als würde er Witterung aufnehmen zu den über 9000 johlenden und erwartungsvollen Fans.Oder die spezielle Atmosphäre einatmen.Seit Wochen behindert ihn eine Adduktorenverletzung.Immer wieder hat sich der 29jährige schmerzlindernde Spritzen geben lassen, weil die Mannschaft ihn brauchte.In diesem Moment ist alles gut, hat sich alles gelohnt: Ein Sieg über Paok Saloniki nur trennt Alba Berlin vom Einzug ins Viertelfinale der Europaliga, dem großen Ziel.Die Fans sind bereit, das Berliner Team ist es auch, allen voran Henning Harnisch, und die bedauernswerten Griechen ahnen noch nicht, was gleich über sie hereinbrechen wird.Knapp zwei Stunden später sind sie vernichtend geschlagen, mit 104:71.Obwohl bei Alba die Mannschaft der Star ist, gibt es keine zwei Meinungen darüber, wer der Mann des Abends ist.Henning Harnischs Weltklasseleistung, das Händchen des endlich wieder treffsicheren Russen Wassili Karassew, die Respektlosigkeit der 21jährigen Vladimir Bogojevic und Marko Pesic, die unerhörte Trefferquote der ganzen Mannschaft, die außerdem eine Verteidigung zeigte, wie man sie selten sieht - alles paßte zusammen."Jeder hat gesehen", dozierte Trainer Svetislav Pesic, "das war unser bestes Spiel in dieser Saison." Ein kluger Schachzug des Trainer-Fuchses war gewesen, Jörg Lütcke von Beginn an auf Paoks Ronald Rowan anzusetzen.Der 22jährige erfüllte diese Aufgabe verbissen und mit großem Erfolg.Am Ende hatte er mit 30 Minuten die längste Spielzeit aller in seinem Team."Nach so einem Spiel", sagte Lütcke strahlend, "vergißt man, daß man vielleicht in anderen Spielen weniger gespielt hat." Und: "Wir haben uns ein bißchen in einen Rausch gespielt."Über eine verbissene Defense zu einer mutigen, riskanten, am Ende euphorischen Offense - Svetislav Pesic sah das, was er sich von seiner Mannschaft wünscht.Und "Henning hat mit seiner Spielweise vorgemacht, wie wir in Europa spielen müssen".Henning Harnisch hat in Berlin einen Reifeprozeß vollzogen.Einst war er "Flying Henning", der Mann ohne Bodenhaftung mit den wehenden Haaren und den krachenden Dunkings; inzwischen ist er zu einem Basketball-Arbeiter geworden.Der Spaß ist der gleiche geblieben, und nie war Harnisch so wertvoll.An diesem Abend hatte er sich nicht nur vorgenommen, Salonikis Predrag Stojakovic im Angriff zu stoppen, diesmal wollte er mehr.Nach jedem gelungenen Dreier, jeder gelungenen Aktion unter Paoks Korb ballte er seine Faust, schleuderte seinem überrumpelten Gegner ein "Yes" ins Gesicht.Den Top-Scorer der Europaliga kaltgestellt und selbst heißgelaufen: Die Zuschauer feierten den Mann, der sich mit dem Gedanken trägt, am Ende der Saison Berlin zu verlassen oder sogar ganz mit Basketball aufzuhören.Es wäre ein Jammer.Immerhin war sich der oft hin- und hergerissene junge Mann am Donnerstag abend wieder zu hundert Prozent sicher, den "schönsten Job der Welt" zu haben.Was soll man auch sagen an einem solchen Feier-Abend? Vielleicht, daß manches an die Saison 1995 erinnert, als der krasse Außenseiter Alba Berlin den Korac-Cup gewann? Man frage Svetislav Pesic, den Mann für die Bodenhaftung: "Man muß zufrieden sein." Wie bitte? Also gut: "Wenn wir so spielen wie heute, gewinnen wir gegen jeden.Aber leider ist es nicht möglich, eine solche Form zu konservieren." Dem Coach war es einfach noch zu früh zu feiern.Alba-Präsident Dieter Hauert gab sich da weit mehr als Genuß-Mensch des schönen Moments."Heute haben wir endlich zum ersten Mal richtig die Früchte geerntet für Pesics Klasse-Training und dafür, eine solch gute Mannschaft gebaut zu haben."Lesen Sie auch:

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