Sport : Der Abend des Polizisten

Oliver Trust

Am Ende glich die Veranstaltung im Daimlerstadion einer dieser Brüllshows im Fernsehen, wenn an trüben Nachmittagen ein lauter Piep die kernigen Aussagen übertönen muss, weil es nicht mehr ganz jugendfrei klingt. Mit rotem Kopf rief Rolf Rüssmann, Manager beim VfB Stuttgart, erregt: "Verbrechen, der hat uns das Spiel gestohlen." Felix Magath, sonst vor Mikrofonen ein eher ausgeglichener Trainer, meinte: "Der hat alles getan, damit es so ausgeht", und Christian Tiffert wollte nach dem 2:4 im Elfmeterschießen gegen 1860 München im Achtelfinale des DFB-Pokals gar handgreiflich werden. "Heute", sagte Magath erbost angesichts der über zwanzig Jahre andauernden Siegesbilanz von 1860 München in Stuttgart, "war die schützende Hand über den Münchnern ein grünes Männchen".

Michael Weiner schrecken derartige Vorwürfe nicht. Der 32-jährige Schiedsrichter kennt die Beschwerden über Ungerechtigkeit. Im Straßenverkehr enden sie in einem Strafzettel durch den Polizisten Weiner und im Fußball in der Roten Karte des Schiedsrichters. "Ich habe für jeden Verständnis, der sich über solche Entscheidungen aufregt. Das kommt oft vor", sagt Weiner.

Für die Hildesheimer Verkehrssünder heißt das, sie können vor Weihnachten mit viel Verständnis rechnen, zahlen müssen sie trotzdem. "Es geht nicht um Benachteiligung, sondern um Durchsetzung des Regelwerkes." Eine Lebensregel, die auf der Landstraße gleichermaßen gilt wie auf dem Fußballrasen, das findet jedenfalls Weiner, Schiedsrichter aus Hildesheim und Polizist. "Der muss noch viel lernen, wenn er nächstes Jahr Fifa-Schiedsrichter wird", klagte Stuttgarts bulgarischer Spielmacher Krassimir Balakow. "Der Mann hat einfach kein Fingerspitzengefühl. Wir sind doch keine Roboter auf dem Fußballplatz, wir sind Menschen."

Friedhelm Funkel, ehemals Hansa Rostock, erschien wegen Weiner einmal nicht zur Pressekonferenz, Eduard Geyer brüllte in Cottbus: "Der ist völlig überfordert." Nun ist es Weiner wieder passiert: Die Fußball-Verkehrsteilnehmer Rüssmann, Magath und Tiffert waren bis aufs Blut gereizt. "Ich habe mich bemüht, keinen zu benachteiligen, da war nichts vorsätzlich", sagte er. Als Weiner in der 75. Minute Tiffert nach einem Foul an Hoffmann die Rote Karte zeigte, scheiterte selbst der Münchner Thomas Häßler als Friedensstifter: "Ich hab gesagt, Gelb reicht. War nix zu machen." Und Michael Wiesinger staunte: "Also bei uns in der Kabine haben sich alle gewundert" über das "normale Foul". Für Weiner ein "unverhältnismäßiger Körpereinsatz".

Und es ging noch weiter. Als Stuttgarts Krassimir Balakow einen Elfmeter ins Tor schoss, ließ Weiner wiederholen, "weil Spieler beider Mannschaften zu früh" in den Strafraum liefen. "So was pfeift kein Mensch." Magath präsentierte eine lange Mängelliste "unglaublicher Entscheidungen, von denen ich langsam glaube, sie sind gegen den VfB Stuttgart gerichtet".

Thomas Häßler zuckte nur verlegen mit der Schulter. "Er hatte kein Fingerspitzengefühl, es gab viele komische Pfiffe von ihm", sagte der kleine Sechziger und sprach lieber über seinen letzten Traum als Fußballprofi. "Den Pokal gewinnen und dann aufhören. Das wäre die Krönung. Noch einmal Berlin ... das ist immer schön", hauchte der in Berlin geborene Profi, der im Mai, beim Finale im Olympiastadion fast 36 Jahre alt wäre. Nach seinem Karriereende müsste Häßler dann auch nicht mehr fürchten, Michael Weiner zu treffen. Es sei denn, er parkt in Hildesheim vor Weihnachten im Halteverbot.

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