Sport : Der Abräumer als Siegertyp

Daniel Pontzen

Lange ist es nicht her, dass sich die Personalie Thorsten Fink beim eitlen FC Bayern München dezent im Hintergrund abspielte. Wenn die Kollegen aufbrachen um für Deutschland, Brasilien oder Weltmeister Frankreich nationale Interessen zu vertreten, blieb Fink zurück an der Säbener Straße und spielte im Training Eins-gegen-Eins mit Stefan Effenberg, der seine Nationalmannschaftskarriere freiwillig beendet hat. Oft machte Fink dann den Eindruck eines gekränkten Schuljungen, der beim Wählen der Fußballmannschaften im Sportunterricht bis zum Schluss übrig geblieben ist. Nach Bundesligaspielen erkundigte sich Fink gelegentlich bei Journalisten, ob jemand "etwas von einem Reservisten wissen will". Sonst überließ er den Kollegen aus der Abteilung Glamour die Auftritte vor Kameras.

Inzwischen hat Fink seine Zurückhaltung abgelegt. Seitdem sein Name im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft genannt wird, baut er sich nach Verrichtung seines Tagwerks auf Tartanbahnen oder in Presseräumen auf, um PR in eigener Sache zu betreiben. "Die Nationalelf wäre das Größte für mich, aber ich bin Realist. Ich bin 33 Jahre alt", heißt es dann meist. Und um ja nicht anmaßend zu wirken, fügt er noch einen Satz an wie: "Der Teamchef weiß schon, wen er einlädt." Oder: "Es gibt viele gute Jüngere."

Dass Fink in späten Jahren zum ernsten Kandidaten für den einstmals elitären Kreis geworden ist, hat er seinem Kollegen Oliver Kahn zu verdanken. Der hatte Teamchef Rudi Völler nach dem Fiasko im Spiel gegen die Finnen empfohlen, Fink in die Nationalelf zu holen. Eilig hatten die Medien eingestimmt in den Fink-für-Deutschland-Chor, mit Franz Beckenbauer und Ottmar Hitzfeld prominente Fürsprecher eingespannt und eifrig am Bild gepinselt, das Fink als Heilsbringer für den daniederliegenden deutschen Fußball zeigt. Es ist ein Zerrbild, denn eigentlich zeigt die Aufregung um Fink nur den Mangel an junger deutscher Qualität.

Der stille Fink, der lange als gutes Mittelmaß galt, ist inzwischen im Kreise der Abräumer, der Unauffälligen also, zum mit Abstand Auffälligsten geworden. Gäbe es neben der Ewigen Torschützenliste eine Statistik Ewige Zweikampfsieger, Fink hätte nach 336 Bundesliga-Spielen und 51 Auftritten im Europapokal beste Aussichten auf einen Platz in den Top Ten. Doch die Diskussion um eine späte Nationalmannschaftsberufung scheint Fink nun zusätzlich motiviert zu haben. In Abwesenheit der Feinmotoriker Effenberg und Scholl hat er sich immer mehr von der Spielmacher-Aufgabe abgeschaut und diese zuletzt vorbildlich gelöst. Sein Gala-Auftritt in der Champions League gegen Moskau, als er zwei Treffer einfädelte, nötigte selbst Teamchef Rudi Völler Respekt ab: "Er erlebt derzeit seinen zweiten Frühling." Außerdem verfügt Fink über eine hierzulande rare Eigenschaft, die ihn nach Ansicht seiner Förderer für Völler eigentlich unentbehrlich macht: Fink ist ein Sieger.

Nach vier Jahren beim FC Bayern hat dessen herrliches Selbstbild auf Fink abgefärbt wie ein feuchtes Stempelkissen. "Wir sind derzeit unschlagbar", sagte er etwa nach dem 3:1 über Rotterdam vorige Woche - ein Satz, den die Leverkusener Ballack und Ramelow vermutlich nicht mal unter Alkoholeinfluss hervorbrächten. Doch Völlers verbissenes Festhalten an eben jenen beiden scheint Finks schwarz-rot-goldenen Fußballerherbst zu vermasseln: "Auf seiner Position besteht kein Bedarf", sagt Völler immer wieder. Und so wird der Name Fink wahrscheinlich wieder fehlen, wenn der Teamchef der Nationalmannschaft morgen seinen Kader für die beiden Relegationsspiele gegen die Ukraine am 10. und 14. November bekannt gibt. Doch seine Fürsprecher sind weiter hartnäckig und klammern sich an die Vorstellung, dass Fink die Ukraine im Alleingang schlägt.

Ein wenig verkennt das die Realität, denn Fink hat seine Glanzleistungen beim FC Bayern stets im vertrauten Verbund abgeliefert. Eine Nominierung für die Nationalelf "wäre nur dann sinnvoll, wenn vier, fünf Bayern in der Mannschaft wären", sagt selbst Franz Beckenbauer. Auch Günter Netzer, die Instanz des Wahren und Guten im deutschen Fußball, hält nichts davon, Fink noch kurzfristig mit dem Adleremblem auszustatten: Wenn Völler plötzlich so alte Spieler hole, "dann können die anderen kein Vertrauen mehr in ihren Trainer haben. Das wäre die schlechteste Lösung". Vielleicht wäre es auch gar nicht gut für Fink. Er wäre nicht der Erste, der ein spätes Nationalmannschafts-Abenteuer bereut. Lothar Matthäus zum Beispiel war nach seiner Reaktivierung bei der WM 1998 und der EM 2000 nur wenig Glück beschieden. Die Chancen, große Erfolge zu sammeln, stehen bei den Bayern ohnehin besser als bei der Nationalelf.

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