Sport : Der Absturz

Nach dem Debakel bei Olympia tritt der Vizepräsident der Leichtathleten zurück

Jörg Wenig

Berlin - In Athen fühlten sich alle noch ohnmächtig. Nun, zurück in Deutschland, hat einer die Verantwortung übernommen: Rüdiger Nickel, der für Leistungssport zuständige Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), hat nach dem Debakel seiner Athleten bei den Olympischen Spielen seinen Rücktritt erklärt. Schon vor den Spielen hatte der DLV angekündigt, dass sich auch der umstrittene Cheftrainer Bernd Schubert nach dieser Saison zurückziehen wird. Denn schon bei den Weltmeisterschaften in Paris im vergangenen Jahr hatten die Leichtathleten enttäuscht.

„Ich hoffe, in den nächsten Tagen einen überzeugenden Nachfolger benennen zu können“, erklärte Verbandschef Clemens Prokop. Doch eigentlich müssten für einen echten Neuanfang weitere Rücktritte folgen. Präsident Prokop und Generalsekretär Frank Hensel haben es in den letzten Jahren ebenfalls nicht geschafft, die deutsche Leichtathletik nach vorne zu bringen oder zumindest den Abwärtstrend zu stoppen. Zudem haben sie einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass Berlin bei der ersten Bewerbung um die Leichtathletik-WM 2005 durchgefallen war. Nun haben die beiden freilich bei der aussichtsreichen Kandidatur um die WM 2009 eine zweite Chance.

Personelle Alternativen gibt es zurzeit kaum. Heide Ecker-Rosendahl hat sich nach der Präsidentschafts-Ära von Helmut Digel zurückgezogen. Ein anderes Idol vergangener Zeiten, Harald Schmid, wird gern genannt, wenn es um einen Präsidentschafts-Kandidaten geht. Doch der frühere 400-m-Hürdenläufer müsste wohl von einem starken Team überredet werden. Und das gibt es nicht.

So spricht vieles dafür, dass sich trotz des Rückzuges von Nickel und Schubert nicht viel ändern wird. Klar ist schon lange, dass Hensel die Position des Cheftrainers zusätzlich übernimmt. Für Leistungssport war der Generalsekretär schon in den Neunzigerjahren verantwortlich. Damals war die deutsche Leichtathletik noch erfolgreicher, was aber weniger am System, sondern an individuell starken Athleten lag.

Doch der Absturz des Teams um den Stabhochspringer Tim Lobinger war in Athen so enorm, dass sich etwas ändern muss. Die DLV-Athleten rangierten mit zwei Silbermedaillen auf Platz 25 in der Medaillenwertung und rutschten in der Punktewertung, in die die ersten acht Plätze einer Disziplin einfließen, auf Rang elf. Hensels Aufgabe muss sein, Strukturen zu verändern. Das System der Bundestrainer mit dauerhafter Festanstellung ist überholt. Da werden Trainer bezahlt, die die besten Athleten ihrer Disziplin gar nicht trainieren. Das System muss flexibler werden, um Trainingsgruppen zu unterstützen, die aktuell erfolgreich sind. Dazu gehören etwa die Stabhochspringer von Leszek Klima bei Bayer Leverkusen oder die Geher von Ronald Weigel. Athleten auch in international erfolgreiche Trainingsgruppen zu integrieren, müsste ein weiteres Ziel sein. Es gibt viele deutsche Trainer, die in der Vergangenheit große Erfolge hatten – dessen Wissen muss genutzt werden.

An den Talenten liegt es jedenfalls nicht. Erst vor einigen Wochen gewannen deutsche Leichtathleten bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Italien zwölf Medaillen. „Es gibt genügend Nachwuchs. Aber der Weg an die Spitze ist weit“, sagt die zweimalige Weitsprung- Olympiasiegerin Heike Drechsler. „Wir brauchen professionell arbeitende, hochklassige Trainer – das ist ein Manko.“

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