• Der AC Mailand reagiert ungehalten auf Herthas Defensivtaktik beim überraschenden 1:1

Sport : Der AC Mailand reagiert ungehalten auf Herthas Defensivtaktik beim überraschenden 1:1

Klaus Rocca

Alberto Zaccheroni besticht durch souveräne Auftritte. An diesem späten Dienstagabend, in den Katakomben des Giuseppe-Meazza-Stadions, fiel es ihm jedoch schwer, die Contenance zu wahren. Sein AC Mailand vom Außenseiter aus Berlin an den Rand der Niederlage getrieben - das schmerzte. "Wie soll man denn gegen eine Mannschaft gewinnen, die nur darauf aus ist, nicht zu verlieren", zeterte Zaccheroni. Der "Corriere della Sera" stimmte ein: "Dass man den altertümlichsten Catenaccio auch noch ertragen muss, geht zu weit." Ach ja, der Catenaccio. Ein hübscher Begriff, und er verrät so eindeutig, welcher Nation die Fußball-Welt die Erfindung dieses massiven Abwehrriegels zu verdanken hat.

Die Herthaner ließ Zaccheronis Beschwerde kalt. Sie freuten sich über den dritten Coup im dritten Spiel der Champions League. Und sie ließen sich von ihren Fans feiern, die erst lange nach dem Schlusspfiff ihren Block verlassen durften, eskortiert von einem Riesenaufgebot von Polizisten. Erfreulich diszipliniert ging alles zu, wie zuvor auf dem Rasen. Oliver Bierhoff, mit seinem Tor zum 1:1 Milans Retter vor der drohenden Blamage, sprach später von "enorm viel Fairness" in dieser Partie, die unerwartet zum Spitzenspiel der Gruppe H avanciert war.

Auch an seinem Bewacher hatte der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft nichts auszusetzen. Einmal habe ihn Hendrik Herzog mit dem Ellenbogen unfair attackiert, "doch er hat sich sofort entschuldigt". Wenn dieser aus Berliner Sicht so denkwürdige Abend für Bierhoff dennoch so wenig erbaulich ausklang, dann lag das nicht nur an Herzogs eisernem Zugriff. "Das Spielen macht mir derzeit keinen Spaß", klagte Bierhoff. Sein Spiel lebt nun einmal von den hohen Flanken von den Außenpositionen. "Während der gesamten Partie gab es gerade zwei Flanken, eine davon habe ich selbst geschlagen", monierte der Deutsche. Was unüberhörbar als Vorwurf an Leonardo und Schewtschenko galt, die es immer wieder selbst in die Sturmmitte zog, wo sie das Gedränge noch vergrößerten.

Das erleichterte den Berliner Abwehrspielern natürlich einiges. Ob Thomas Helmer, in der ersten Halbzeit der große Rückhalt, später bei zwei, drei Unsicherheiten nicht mehr ganz so souverän, Dick van Burik, Andreas Schmidt oder eben Herzog - sie alle lösten ihre Aufgaben mit bemerkenswertem Erfolg. "Den Schewtschenko ganz auszuschalten, ist nicht möglich. Das ist eben ein Weltklassemann", sagte Manager Dieter Hoeneß und nahm Andreas Schmidt in Schutz. Der hatte in ganz wenigen Situationen den Überblick verloren; sein Gegenspieler bereitete das Ausgleichstor vor.

Viel Lob gab es auch für Gabor Kiraly. Der Berliner Torhüter wurde "nach einigen Schwächen in der Anfangsphase" (Jürgen Röber) zum großen Rückhalt seiner Mannschaft. "Wahnsinn, wie der den Freistoß von Leonardo gehalten hat", meinte Hoeneß. Kiraly selbst kommentierte seine spektakuläre Parade im radebrechenden Stakkato: "Habe gesehen, dass Ball über die Mauer kam, habe versucht, schnell zwei Schritte zu machen und dann zu fliegen - ich habe geschafft."

Der Iraner Ali Daei hätte mit seinem Tor, dem dritten in der laufenden Champions-League-Saison, zum Helden werden können. Röber: "Wenn wir das 1:0 zehn Minuten länger gehalten hätten, wären wir als Sieger vom Platz gegangen." Um schnell hinzuzufügen, dass dieses Unentschieden durchaus gerecht war. Für Zaccheroni und Bierhoff hätte der Sieger allerdings ohnehin Milan heißen müssen, denn nach dem Studium der Fernsehaufzeichnung meinten beide, das wegen angeblicher Abseitsstellung nicht gegebene Tor in der Nachspielzeit sei regulär gewesen. Für den "Corriere dello Sport" war Monsieur Veissière ein "einziger Skandal", für Röber hatte er "sehr gut gepfiffen".

Hertha hat als Tabellenführer weiter gute Chancen aufs Weiterkommen. Für Michael Preetz sind dazu noch weitere fünf Punkte erforderlich. Das erscheint nicht unmöglich bei zwei noch ausstehenden Heimspielen gegen Galatasaray und Milan und einem Auswärtsspiel in Chelsea. Platz drei würde immerhin noch den Quereinstieg in den Uefa-Cup ermöglichen, allein beim Sturz auf Platz vier wäre das Abenteuer Europapokal beendet. Aber daran mag im Augenblick niemand denken angesichts der beeindruckenden Auftritte in der Champions League. Bei allem Ärger über die Punktverluste musste auch Zaccheroni zugeben, dass "diese Berliner stärker waren, als ich dachte".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben