Sport : Der ängstliche Titan

Wie sich Oliver Kahn verändert hat

Mathias Klappenbach

Berlin - Es gibt eine Geschichte über Oliver Kahn von damals, als er gerade dabei war, Profi zu werden beim Karlsruher SC. Der junge Kahn stand bei einem Vereinsfest im Tor, für jeden verwandelten Elfmeter der Besucher des Festes gegen ihn wurde ein kleiner Betrag in eine Sammelkasse gespendet. Viel Geld kam allerdings nicht zusammen – Oliver Kahn brachte es nicht über sich, absichtlich den Ball passieren zu lassen, auch nicht für einen guten Zweck.

Das war schon der Oliver Kahn, der 2001 beim Champions-League-Triumph des FC Bayern drei Elfmeter hielt. Der Oliver Kahn, der eine keineswegs überragende deutsche Mannschaft mit seinem puren Willen 2002 als „Titan“ ins Finale der Weltmeisterschaft brachte. Der Oliver Kahn, der dreimal zum besten Torhüter der Welt gewählt wurde. Das war zuletzt 2002 der Fall. Seitdem hat sich der Oliver Kahn vom Karlsruher Vereinsfest, der nach Titeln und Triumphen seinen Lehrsatz „Du musst immer weitermachen“ über die Mikrofone und Köpfe der Reporter hinweg in einen imaginären Raum der Götter sprach, verändert.

Es kamen sportliche Krisen mit Fehlern in wichtigen Spielen und private Veränderungen mit einer neuen Frau. Kahn wurde nach außen demütiger, der Kapitän kritisierte seine Kollegen nach Niederlagen nicht mehr, sondern nahm sie in Schutz. Er schrieb ein Buch, „Nummer eins“. Ein Sammelsurium banaler Weisheiten über Motivation, Willenskraft, Heldentum. Aber auch eine Reflektion, denn der heute 36-Jährige wollte nicht mehr einfach immer so weitermachen.

Kahn wollte nicht mehr nur die Nummer eins, sondern auch ein gereifter Teamplayer sein. Irgendwie ist ihm dabei aber jene Ausstrahlung abhanden gekommen, die den anderen immer Angst gemacht hat. Vor vier Wochen, als Andrej Schewtschenko vom AC Mailand einen Elfmeter neben das Tor von Kahn setzte, rannte Kahn aus seinem Tor und brüllte Schewtschenko aus nächster Nähe an. Fast so wie damals, als er dem Dortmunder Heiko Herrlich beinahe ein Ohr abgebissen hätte. Schewtschenko aber nahm Kahn nicht einmal wahr, und eine Minute später schoss er ein Tor.

Kahn hat in den Wochen danach gespürt, dass die Entscheidung in der Torwartfrage gegen ihn fallen wird. Aus Angst um seinen Platz hat er angeschlagen gespielt – und Fehler gemacht. Sein Körper scheint den Anforderungen nicht mehr so zu genügen wie früher. Dreimal ließ er sich in der Rückrunde verletzt auswechseln. Bayerns Manager Uli Hoeneß sprach von „Psychoterror“ gegen Kahn. Ein Begriff, über den der Titan nur gelacht und den er in positive Energie verwandelt hätte. Stattdessen verließ Kahn am vergangenen Wochenende, nachdem er zur Halbzeit gegen Köln rausgegangen war, das Stadion vor dem Spielende. Er wollte nicht zugucken. Ein Zeichen von Reife wäre es, wenn er dies bei der WM täte.

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