Sport : Der (Alp-)Traum und die Nacht des Erwachens

JUTTA DEISS

Wie Mandy Wötzel und Ingo Steuer in Lausanne Weltmeister im Paarlauf wurdenVON JUTTA DEISS LAUSANNE."Es war ein Alptraum", sagte Ingo Steuer und erzählte, daß er sich nie zuvor in seinem Leben so schrecklich gefühlt habe."Furchtbar", sagte Mandy Wötzel - und so sahen sie auch aus: Ton in Ton grüngelb bis kalkweiß.Die Präsidentin der Deutschen Eislauf-Union, Angela Siedenberg, fühlte sich elend, weil "wir so hilflos auf unserem Holzbänkchen hinter der Bande saßen und nichts tun konnten." Mannschaftsarzt Salim Al-Bazaz machte sich auf einen Großeinsatz zur Rettung kollabierender Nerven gefaßt.Auf der Tribüne hockte Managerin Elfriede Eck zusammengefaltet wie ein Häuflein Elend, und die Trainerin Monika Scheibe erwog schon die Selbstjustiz der finalen Form: "Ich dachte, jetzt können wir uns gleich alle drei erschießen." Es muß entsetzlich sein, Weltmeister zu werden.Es war schon nach Mitternacht, als Mandy Wötzel und Ingo Steuer das Eisstadion von Lausanne verließen.Davor hatten sie versucht, die Weltpresse davon zu überzeugen, daß sie sich anders fühlten als sie aussahen.Ausgelaugt, mit blanken Nerven sagten sie höflich: "Wir sind glücklich." Im Mannschaftshotel improvisierte die Deutsche Eislauf-Union eine kleine Party.Funktionäre, Preisrichter, Trainer, Läufer und Sponsoren empfingen die Champions mit Schampus und Chips - und alle Leute versuchten ihnen einzureden, daß dies jetzt eine herrliche Stunde sei und ihre Freude doch überschäumen müsse."Ja, ja", sagte Steuer, "ich weiß".Die anderen rissen schon Witze über den Verlauf des Abends und über die Zeit zwischen ihrer Flucht nach dem Aufleuchten der Noten und der Rückkehr zur Siegerehrung. Mandy Wötzel war beim Doppelaxel gestürzt, und der Wurf-Toeloop danach war nicht sauber gestanden.Aber alle anderen hatten auch Fehler gemacht - und so sausten die Gefühle zwischen Hoffen und Bangen auf und ab.Dann der Blick auf die Notentafel: Neunmal Platz zwei."In mir ist alles zusammengebrochen", sagte Ingo Steuer.Wie ein Verfolgter jagte er aus der Halle hinaus in den Regen.Nichts hören, nichts sehen.Angela Siedenberg stoppte Mandy Wötzel unter dem Vorhang fast gewaltsam bei deren Fluchtversuch und drehte sie an den Schultern in Richtung Anzeigentafel.Dort stand nun: 1.Wötzel/Steuer.Siedenberg: "Mandy hat das gar nicht mehr registriert und schon gar nicht geglaubt." Das komplizierte Wertungssystem hievte die Deutschen auf den Thron, nachdem er schon verloren schien."Der zweite Platz", wußte die Trainerin, "wäre ein Mißerfolg gewesen." Fünf Jahre Anlauf, zwei zweite WM-Ränge und eine konstante Erfolgsquote in dieser Saison ließen ein Jahr vor Olympia keinen Hinterausgang mehr offen."Der Druck war unbeschreiblich groß", gestand Mandy Wötzel - und sie alle wußten: "Wir haben heute Glück gehabt." Für die große Gala nach dem Sieg hatte der Kür wegen ein paar "Maêken" der Glanz gefehlt.Aber wer fragt morgen noch nach der Leistung von gestern? Nach und nach schlich sich mit der Erleichterung auch die Freude ins Partyzimmer ein.Um halb zwei Uhr in der Nacht verschaffte sich Mandy Wötzel Gehör.Sie dankte allen, die "mit uns gezittert haben, die uns übers Eis trugen, die mich hochgehoben und nach den Würfen sanft wieder auf die Beine gestellt haben". Sie hatte sich mit einem Glas Champagner in der Hand zu ihrem Partner Ingo Steuer gesellt.Das kommt so oft außerhalb des Eises nicht vor, und deswegen nutzte auch der Kameramann der ARD die Gunst und schaltete sein schweres Gerät auf den Schultern nochmal erwartungsvoll an.So fing er die wahre Szene einer bisweilen traumatischen Paarlauf-Ehe ein."Na du", flötete Mandy ihn an und streichelte seine Wange."Und das in deinem Alter ..." Ingo Steuer (30) neckte mit der sanftesten aller Tonarten zurück: "Denk mal an den Axel".Sie: "Wie war das mit dem Toeloop?" Er: "Und was war mit dem ..." Schluß damit.Gerade noch rechtzeitig, bevor der kleine spaßige Disput in eine ernsthafte Auseinandersetzung über die technischen Fehlleistungen kippte, fiel ihnen ein, daß sie damit ein paar Stunden zuvor gewonnen hatten.Weltmeister werden ist eben doch entsetzlich schön ...

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