Sport : Der alte Neuling

Die späte Karriere des Speerwerfers Esenwein

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Berlin Die drei Frauen streckten Peter Esenwein Kugelschreiber und Programmhefte entgegen. Sie lächelten und sagten etwas auf Norwegisch. Das meiste verstand er nicht. Nur dass sie ihn gerade mit seinem Namen angeredet hatten, das hatte er verstanden. Hier, in Bergen, in Norwegen. Das fand er beachtlich. Er hätte gerne gewusst, ob sie ihn kannten, weil er kurz zuvor den Speer 87,20 m geworfen hatte. Und damit Nummer eins der Weltjahres-Bestenliste wurde. Speerwerfen ist schließlich ziemlich populär in Skandinavien. Oder ob sie ihn schon länger kannten. Aber er konnte nur unterschreiben. Er hatte keine Zeit für Fragen. Vor ihm stand schon der Bus, der ihn ins Stadion bringen sollte, zum ersten Golden-League-Meeting der Saison.

Esenwein ist ein abgeklärter Typ, er ist jetzt 36, er hat schon genügend erlebt. Aber als er die Geschichte von Bergen erzählt, klingt er doch ein bisschen gerührt. Es kommt nicht oft vor, dass ihn Autogrammjäger erkennen, im Ausland sowieso nicht. Wer kennt schon Peter Esenwein von Salamander Kornwestheim, wohnhaft in Uhingen bei Stuttgart?

Das wird sich heute nicht groß ändern. Heute wirft der 36-Jährige zwar beim Europacup in Bydgoszcz, Polen. Die 87,20 m sicherten ihm diesen Start. Aber der Europacup ist nicht wirklich eine große Bühne. Doch für Esenwein ist das auch nicht der Punkt. Er ist dabei, das ist für ihn entscheidend. Er ist 36, aber erst heute startet er, bei den Männern, erstmals für Deutschland. Er trug mal als Junior das Deutschland-Trikot, aber das zählt für ihn nicht. Kommt er unter die ersten zwei, ist er für Athen nominiert.

Esenwein beim Europacup, vielleicht sogar bei Olympia, eigentlich darf das gar nicht sein. Esenwein ist nur im Landeskader, er darf offiziell nur einmal pro Woche zum Physiotherapeuten des Olympiastützpunkts Stuttgart, er hat keinen Trainer, er organisisiert und bezahlt seine Trainingslager selber und geht zum Krafttraining in ein Fitnessstudio. Er kauft jetzt auch die Speere selber, das Stück für 750 Euro. Esenwein hat einen Schlüssel fürs Uhinger Stadion, er kann auf die Anlage, wenn er Zeit hat. Ab und zu filmt beim Training seine Freundin die Würfe. Sonst macht’s ja keiner. Die Videoanalsye macht Esenwein selber. Nach der Arbeit natürlich. Bis 16 Uhr jobbt der Diplom-Verwaltungswirt Esenwein.

Natürlich kommt so einer nicht einfach aus dem Nichts und wirft Weltjahres-Bestweite. Esenwein war mehrmals Dritter der Deutschen Meisterschaft, er war jahrelang im A-Kader. Aber für seine Kritiker war er zuletzt ein Auslaufmodell. Für seine Freunde aber muss er eine tragische Figur gewesen sein: immer knapp gescheitert am großen Auftritt. 2000 war er nicht bei Olympia, weil der Verband nur zwei Speerwerfer mit nach Sydney nahm. Esenwein hatte die Norm einmal offiziell erfüllt, er wurde Dritter der deutschen Meisterschaft, er galt als Härtefall. „Man sagte mir, Härtefälle werden nicht nominiert“, sagt Esenwein. Dann nominierte der Verband doch vier Härtefälle. 2002, vor der EM, musste er einen Ausscheidungswettkampf um den dritten Startplatz absolvieren. Er verlor mit zwei Zentimeter Rückstand. Aus dem A-Kader, sagt Esenwein, sei er „ohne Begründung geflogen“. Es bleibt unklar, ob das so stimmt. Der Bundestrainer war nicht zu erreichen.

Warum hat so einer nicht längst aufgehört? „Weil mir Speerwerfen Spaß macht.“ Mehr sagt er nicht. Aber der 36-Jährige gilt auch als kritischer Athlet, er hat sich früher mit dem Verband angelegt. Man kann sich gut vorstellen, dass mit jedem neuen Rückschlag auch sein Trotz geweckt wurde. Die 87,20 m sind wohl auch die demonstrative Antwort auf das Gefühl von seelischen Verletzungen.

Esenwein hat gut trainiert im Winter, „das ist einer der Gründe für die 87 m“. Inzwischen hat er den Spitzenplatz in der Bestliste wieder verloren, und in Bergen kam er nur auf 79,69 m, aber Esenwein ist das egal. Erstens „war’s in Bergen kalt“, zweitens hat er danach in Saragossa 83,32 m geworfen. Zweimal hat er damit die Olympia-Norm übertroffen. Wenn er bei den deutschen Meisterschaften unter die ersten Drei kommt, ist er auch in Athen dabei. „Mit 83 m wäre man bei der WM 2003 in den Endkampf gekommen“, sagt Esenwein. Er denkt an Olympia, er sagt: „Mit 87 m hat man natürlich andere Ansprüche.“ Das ist ein gefährlicher Satz. Esenwein weckt damit enorme Erwartungen. Bei der WM in Paris herrschten für die Speerwerfer miserable Bedingungen. In Athen werden 87 m kaum für eine gute Platzierung reichen. Und noch ist Esenwein nicht mal nominiert. Doch der 36-Jährige sieht bei sich noch Reserven: „Wenn alles perfekt läuft, kann ich 90 m werfen.“

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