Sport : Der amerikanische Traum

Warum der Superbowl in den USA mehr Leute interessiert als der drohende Krieg gegen den Irak

Ingo Wolff

San Diego. Die Botschaft von Jon Bon Jovi war gewollt zweideutig: „Lasst uns am Sonntag eine gigantische Party feiern, bevor am Montag eine Zeit der Dunkelheit anbricht.“ Nur mit dem Zusatz – „bis August“ – machte der Rockstar und enthusiastische Footballfan klar, dass dies keine direkte Kritik am politischen Kurs der USA im Irak-Konflikt war, sondern sich auf das Ereignis bezog, das die USA derzeit in einen Ausnahmezustand versetzt: Superbowl XXXVII am heutigen Sonntag in San Diego (23.30 MEZ, live auf Sat 1). Das Endspiel der US-Footballliga NFL ist das Ende der 83. Saison und der Anfang der footballlosen Zeit – bis August eben.

Dass nur wenige Stunden nach dem Superbowl der Bericht der UN-Waffeninspektoren vorgelegt wird, der Ausschlag gebend sein kann für den Beginn des drohenden Krieges, spielt vor dem Superereignis in den Köpfen vieler Amerikaner nur eine untergeordnete Rolle: Die meisten interessieren sich vorerst nur für das Spiel der Spiele, für das Duell zwischen den Tampa Bay Buccaneers und den Oakland Raiders.

7500 Dollar für ein Ticket

Wie viel der Superbowl den Amerikanern bedeutet und wert ist, kann man in San Diego an jeder Straßenecke miterleben. Bob hat wie viele andere ein Schild gemalt: „I need tix“, steht darauf, „Ich brauche Karten“. Ein wenig schüchtern hält er das Schild hoch, und noch schüchterner wird er, wenn er sein Preisgebot macht: „1000 Dollar“. Das ist viel Geld für einen Amerikaner mit durchschnittlichem Einkommen, aber immer noch viel zu wenig, um ein Ticket zu kaufen.

Auf dem Schwarzmarkt haben die Tickets in der letzten Woche Preise von über 2000 Dollar erreicht. Bob weiß das, und er hat die Hoffnung deshalb schon fast aufgegeben. Bis Sonntag werden die Preise eher noch steigen. „Es könnten die höchsten Preise werden, die jemals auf dem Schwarzmarkt bezahlt wurden“, sagt er – und behält Recht. Am letzten Tag liegt der Preis bei 7500 Dollar.

Aber nicht nur die Fans zahlen hohe Summen: 2,2 Millionen Dollar kostet ein dreißig Sekunden langer Werbespot während der vierstündigen Übertragung. Dafür präsentieren die Firmen die besten Werbefilme des Jahres – viele investieren einen Großteil ihres Werbebudgets allein für die Produktion der Spots. 40 Prozent aller amerikanischen Frauen schalten das Endspiel allein wegen der Werbung ein, ergab eine Studie. Insgesamt werden in diesem Jahr weltweit wieder rund 800 Millionen Menschen das Spiel verfolgen.

Doch nicht nur im Fernsehen dominiert der Superbowl, vor allem in San Diego selbst. Seit Wochen. Im Gaslamp-Quarter, dem Altstadtviertel von San Diego, feierten in den letzten Tagen einige hunderttausend Fans die größte Party des Landes. Am Samstag zündeten Pyrotechniker im Embarcadero-Park direkt am Hafen ein Feuerwerk, das angeblich größer war als das zur Übergabe von Hongkong an China.

Dazu passt, dass San Diego derzeit den wärmsten Januar seit Jahrzehnten erlebt. Die warme Wüstenluft heizt die Stimmung mächtig an, die Stadt hat sich in eine riesige Freiluftparty verwandelt. Die Fans der Oakland Raiders, die in Scharen von der Bucht von San Francisco angereist sind, haben mit ihren martialisch anmutenden Seeräuber-Kluften die südkalifornische Stadt in Beschlag genommen. Sie stehen im Ruf der „Bad Boys“ der Liga, viele gelten als gewaltbereit, sodass größere Ausschreitungen befürchtet wurden – zumal sie mit den Buccaneers ebenfalls auf Piraten treffen. Doch zahlreiche Fans haben bereits öffentlich angekündigt, dass sie mit diesem Superbowl ihr schlechtes Image ablegen wollen. Gut möglich, dass ihnen dies nicht allzu schwer fallen wird, denn ihr Team gilt gegen die defensiv eingestellte Mannschaft aus Florida als Favorit, wenngleich sich viele Amerikaner das junge Team von Cheftrainer Jon Gruden als Sieger wünschen. Wie gut die Raiders sind, weiß Gruden aus eigener Erfahrung. Der 38-Jährige hat das Team mit der stärksten Offensive der Liga noch bis zur vorigen Saison trainiert. Auch die Erfahrung spricht für Oakland, schließlich sind einige Spieler der Raiders inzwischen älter als der jüngste Trainer der Liga.

Eine gigantische Show

Doch angesichts des Rahmenprogramms am Spielabend droht die Partie selbst für manchen Nebensache zu sein. Wer ein Ticket hat, freut sich auf die Show mit Musikgrößen wie Carlos Santana, Celine Dion, No Doubt und Bon Jovi – und vor allem darüber, dass das Erlebnis die Erfüllung eines der größten Träume vieler männlicher Amerikaner ist. Und wer nur zufällig in San Diego ist oder kein Ticket mehr erhalten hat, genießt bis zum Start der gigantischen Show die Atmosphäre in der Stadt, in der sonst Marinesoldaten das Bild prägen.

Eines der größten Sportereignisse der Welt hat San Diego für eine Woche in den Hot Spot der USA verwandelt, und die Einwohner der kalifornischen Millionenstadt tun alles, um diese Chance zu nutzen. Finanziell hat die Stadt jedenfalls schon jetzt gewonnen. Rund 200 Millionen Dollar werden nach dem Spiel in die Kassen San Diegos geflossen sein. Egal, wer gewonnen hat.

Auch in Berlin können die Fans mitfeiern. Zum Beispiel bei den Berlin Thunder. Am Sonntag ab 19 Uhr im „American Bowl & Play Off“ in der Wasserstadt Spandau. Tickethotline: 0800 3006444

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