Sport : Der angepasste Anführer

Lange Zeit war Oliver Kahn im Nationalteam isoliert – jetzt will er Vorbild für die jungen Spieler sein

Michael Rosentritt

Oliver Kahn wird eine ganze Stunde lang nicht einmal seine Augen zusammenziehen. Wo sind die Falten, die sein Gesicht sonst so grimmig erschienen ließen? Hat er etwa plastisch nachge..., nein. Die äußeren Veränderungen haben innere, fast nicht mehr für möglich gehaltene Ursachen. Den Oliver Kahn, der noch vor einem Jahr am Rand der Nationalmannschaft stand, der isoliert war, der an seinem eigenen Denkmal rüttelte, diesen Oliver Kahn gibt es nicht mehr. Oliver Kahn erfindet sich gerade neu.

Am 15. Juni wird er 36 Jahre alt. Es ist der Tag, an dem er zum Auftakt des Konföderationen-Pokals im Tor der deutschen Nationalelf stehen wird. Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat zwar angedeutet, dass er die Rotation im deutschen Tor auch während des Turniers beibehalten wird, doch die frühere Nummer eins könnte wieder zum großen Rückhalt der erneuerten Nationalmannschaft werden. „Der Jürgen“, sagt Kahn, und dabei huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht, „also der Bundestrainer, muss entscheiden, wann er diese Sache beendet. Und wenn es zu Ende ist, geht es wieder so weiter, wie es mal war.“ Er sagt das nicht bockig, es klingt nach Stärke. Nach neuer, alter Stärke. Kahns großer Widersacher, Jens Lehmann vom FC Arsenal, konnte in den beiden Spielen gegen den FC Bayern und Nordirland nicht überzeugen. Oliver Kahn gewann, ohne dass er auch nur einen Ball parieren musste.

Klick gemacht hat es bei Kahn auf der Asienreise. Es war kurz vor Weihnachten. Kahn saß im riesigen Restaurant im 61. Stock des Banyan-Tree-Hotels über Bangkok. Allein. Dann kam Jürgen Klinsmann. „Es gefällt mir, wie du mit den jungen Spielern umgehst“, sagte Klinsmann zu ihm. „So wirst du deiner Verantwortung als Führungsperson in dieser Mannschaft gerecht.“ Dieser Satz, dieses Vertrauen, hat Kahn tief berührt.

„Mittlerweile ist die Kommunikation zum Jürgen sehr gut.“ Zum Jürgen also, sagt Kahn, und mittlerweile, „denn anfangs war sie schwierig.“ Als Klinsmann das Amt des Bundestrainers im Sommer antrat, nahm er Kahn die Kapitänsbinde und die Stammplatzgarantie ab. Heute sagt Kahn, „dass es wohl als Zeichen zum Aufbruch gedacht war“. Für ihn aber war es das Signal zum Umbruch – wenngleich mit Verzögerung.

Oliver Kahn sitzt bequem. Seine haarigen Arme hat er auf den Oberschenkeln abgelegt, seine Hände halten still. Der blonde Held vergangener Tage wirkt entspannt wie lange nicht mehr. Er spricht ruhig und muss sogar lächeln. Er hat eine schwierige Phase in seinem Leben hinter sich gebracht. Kahn waren Patzer unterlaufen, welche das ewige Kraftwerk zwischen den Pfosten aus dem Rhythmus geraten ließen. Jetzt hat er den Sprung von den Klatschspalten zurück in die Sportteile der Zeitungen geschafft. Seine Haare sind nicht mehr im Gel ertränkt, seine Frisur passt jetzt wieder zum Alter. Und – er hält wieder. Fast so wie früher.

So konnte es ja auch nicht mehr weitergehen, wollte er nicht die WM in Deutschland, sein wahrscheinlich letztes großes sportliches Ziel, leichtfertig verspielen. Und die Zeit danach gleich mit. So sagt das Kahn zwar nicht, aber alle anderen wissen, dass es so gekommen wäre. Oliver Kahn, einst ein Monument mentaler Stärke, reiht sich wieder ein. Er ist nicht mehr so vermessen zu glauben, die Spiele der deutschen Mannschaft allein gewinnen zu müssen. Und so findet er wieder Zugang zu ihr. „Ich will meine Qualitäten vorleben, will Vorbild sein.“

Er sagt auch, er habe sich wieder geöffnet. Wegen seiner Erfahrung und seiner Erfolge „habe ich eine große Orientierungsfunktion für die jungen Spieler“. Er bekomme wieder mit, dass diese Spieler ihn beobachten, dass sie registrieren, wie er redet, was er macht und wie er sich bewegt. Das sei ihm vor zehn Jahren doch nicht anders gegangen mit Lothar Matthäus und Andreas Brehme. „Ich spüre doch, was die Spieler brauchen“, sagt Kahn, „ich spüre, wann einer Zuspruch braucht, wann einen Tritt in den Hintern oder wann einer einfach mal in Ruhe gelassen werden muss.“

Genau das erwartet Jürgen Klinsmann von ihm. „Früher war ich zu sehr auf den Torwartjob fokussiert, ich habe mich als Einzelkämpfer gesehen. Es war schwer, mich in die Position von Feldspielern zu versetzen.“ Heute sehe er darin seine große Verantwortung. „Ich war oben, und ich war unten, das zeichnet mich aus“, sagt Kahn und begreift es als Chance. Die einzige, die er hat.

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