Sport : Der Angreifer

Schwimmer di Carli ist selbstbewusst – und gewinnt

Frank Bachner

Berlin - Marco di Carli schrie kurz auf. Eine Frau hatte ihn ins Ohr gepikst, Laktattest bei der deutschen Schwimm-Meisterschaft in Berlin. Es kann nicht wirklich schlimm gewesen sein. Der 20-Jährige hat gerade ganz anderes mitgemacht, ziemlich lustvoll sogar. Di Carli sagt nämlich, während er an seinem Schwimmanzug nestelt: „Wenn die Schmerzen kommen, macht es erst richtig Spaß.“ Er hat gerade über 100 Meter Freistil gewonnen, eine Überraschung. Der Rückenspezialist hatte gestern Morgen im Vorlauf sein erstes ernsthaftes Rennen bei den Männern über diese Strecke absolviert. Im Finale schwamm er 49,53 Sekunden, und der Satz mit den Schmerzen sagt viel aus über ihn. Er zeigt, warum der Sieg eine Überraschung, aber keine Sensation war.

Marco di Carli vom SV Sigiltra Sögel im Emsland ist eines dieser jungen, hungrigen Talente, die nach vorne drängen. „Er will um jeden Preis gewinnen. Da zeigt sich, dass Angriff sein Naturell ist“, sagt Bundestrainer Manfred Thiesmann. „Er hat im Wasser den Killerinstinkt“, sagt Dirk Lange, sein Trainer. „Ich mag es, wenn es im Finish eines Rennens zum direkten Duell kommt“, sagt di Carli.

Er braucht diese Duelle. „Ohne Druck schwimmt er teilweise unterirdisch“, sagt Lange. „Aber wenn vier Mann um den Sieg kämpfen, habe ich noch nie erlebt, dass er Vierter geworden ist.“ 2004 hat di Carli bei den deutschen Meisterschaften Thomas Rupprath besiegt. Rupprath ist vierfacher Kurzbahn-Europameister über 100 Meter Rücken, aber di Carli hat ihn auf dieser Strecke abgehängt.

Der 20-Jährige nimmt solche Erfolge mit einer Abgebrühtheit hin, die an Überheblichkeit grenzt. Aber er sei nicht arrogant, sagen Lange und Thiesmann. Was wie Überheblichkeit wirkt, sei nur ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein. „Die Südafrikaner würden sagen: Er ist ein bisschen crazy“, sagte Lange. Er kann das einschätzen. Seit 1. März ist der frühere Hamburger Coach Cheftrainer der südafrikanischen Schwimmer, nach der WM im Sommer kommt di Carli zu ihm nach Pretoria, zum Training und zum Sportwissenschafts-Studium. Er will bei Lange bleiben. Bis dahin betreut ihn Thiesmann. Aber Lange schreibt die Pläne.

„Marco ist ein Typ wie Michael Groß“, sagt Lange, „der war auch ein bisschen abgedreht.“ Di Carli hatte schon als Zehnjähriger die Videos mit den Wettkämpfen der Schwimm-Legende Groß studiert. „Und Marco ist sehr bockig. Wenn er etwas nicht will, dann macht er es nicht“, sagt sein Stiefvater. Der Olympiaachte über 100 Meter Rücken von 2004 wurde nicht zum allgemeinen Abitur zugelassen, weil er in jenem Schuljahr 46 Fehltage hatte. „Er hatte keine Lust“, sagt der Stiefvater. Di Carli hat das Fachabitur, er darf trotzdem in Südafrika studieren. Und er erhält ein Stipendium. Und dann gibt es auch noch einen Sponsor aus seiner Heimat und den Vermarkter IMG. Bei dem ist di Carli unter Vertrag.

„Südafrika“, sagt der 20-Jährige, „ist traumhaft.“ Er hat zum Beispiel die Starschwimmer des Landes als Trainingspartner. „Und dann“, sagt di Carli, „gibt es auch noch die Sonne und andere Annehmlichkeiten.“ Doch die haben für ihn Grenzen. Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann sagt: „Wir haben jeden Herbst ein Trainingslager in Südafrika, da werden wir ihn schon kontrollieren.“

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