Sport : Der Angriff fällt aus

Lance Armstrong steht vor dem siebten Toursieg – Jan Ullrich kann dem Amerikaner nicht folgen

Hartmut Scherzer[Saint-Lary-Soulan]

Jan Ullrich hielt den Rückstand in Grenzen. Aber am letzten Berg der Pyrenäenetappe von Lézat-sur-Lèze nach Saint-Lary-Soulan konnte er Lance Armstrong und Ivan Basso nicht mehr folgen. Ullrich kam anderthalb Minuten nach dem Ersten und dem neuen Zweiten in der Gesamtwertung der Tour de France ins Ziel. „Wir haben heute nichts falsch gemacht“, sagte T-Mobile-Sportdirektor Mario Kummer dem „Sportinformationsdienst“, „Jan Ullrich ist bis zum letzten Blutstropfen gefahren, aber man muss auch anerkennen, dass es zwei bessere gibt.“

Bei der schwersten Bergetappe dieser Tour siegte George Hincapie. „Das war perfekt“, sagte Lance Armstrong. „Ich habe Jan Ullrich Zeit abgenommen, und George Hincapie, mit dem ich seit 17 Jahren zusammenfahre und der bei allen meinen Toursiegen dabei war, gewinnt.“ Auf den letzten Metern hatte der Fahrer vom Discovery-Team den Spanier Oscar Perreiro hinter sich gelassen. Die beiden hatten zu einer Spitzengruppe gehört, die sich vor dem ersten der sechs schweren Berge vom Hauptfeld abgesetzt hatte. Die Gruppe besaß zwischenzeitlich 18 Minuten Vorsprung.

Zu dieser Gruppe gehörte auch Oscar Sevilla vom T-Mobile-Team. Als er von Jan Ullrich am letzten Berg eingeholt wurde, setzte er sich vor seinen Kapitän und machte noch einmal Tempo, damit Ullrich Zeit auf Mickael Rasmussen gutmachen konnte. Der Däne, vor der Etappe Zweiter in der Gesamtwertung, verlor aber nur vier Sekunden auf Ullrich, der damit hinter Rasmussen Vierter im Gesamtklassement bleibt.

Lance Armstrong wird der Sieg bei der Tour nun nicht mehr zu nehmen sein, falls er nicht noch stürzt oder einen sensationellen Einbruch erleidet. Erneut kam der Amerikaner nicht in Schwierigkeiten, das Rennszenario erinnerte an den Tag zuvor: Wieder hatten sich Ausreißer davongemacht, die weit in der Gesamtwertung zurücklagen. Und wieder wurde der Spitzenreiter Armstrong am vorletzten Berg angegriffen. Ivan Basso attackierte. Armstrong aber konnte nachsetzten. Jan Ullrich hingegen fiel kurz zurück, kämpfte sich aber wieder heran.

Als Basso am letzten Berg erneut das Tempo mit einem schnellen Antritt steigerte, verlor Ullrich endgültig den Anschluss. Er war dem schnellen Rhythmuswechsel nicht gewachsen, hinter ihm kam Rasmussen sogar wieder näher. Vor ihm versuchte Basso, auch Armstrong in Verlegenheit zu bringen, aber der Amerikaner ließ sich nicht abschütteln.

Zu diesem Zeitpunkt lag ein besonderer Moment schon einige Stunden hinter den Fahrern: Nach der ersten Bergwertung passierten die Profis das Denkmal für Fabio Casartelli. Der Italiener, damals Teamgefährte von Armstrong beim Team Motorola, war am 18. Juli 1995 in der Abfahrt vom Col du Portet d’Aspet tödlich gestürzt. Viele Fahrer trugen gestern zum Gedenken an Casartelli ein Band um den Unterarm, auf dem „Fabio“ stand.

Morgen, am Ruhetag, wird Armstrong gemeinsam mit Tour-Vertretern das Denkmal besuchen, das zu Ehren Casartellis errichtet wurde. Dort wird er Zeit haben, Casartellis zu gedenken. Gestern musste er sich noch darauf konzentrieren, seinen siebten Sieg bei der Tour sicherzustellen.

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