Sport : Der Anschleicher

Die Selbstkritik von Schwimm-Cheftrainer Madsen kommt gut an – doch ein Coach bleibt vorsichtig

Frank Bachner

Berlin - Örjan Madsen, der Cheftrainer der deutschen Schwimmer, ist 61 Jahre alt. Das, findet Horst Melzer, ist ein großes Problem. So einer ändert sein Verhalten kaum, jedenfalls nicht in bedeutsamen Punkten. Davon ist der Schwimmtrainer Melzer überzeugt. Und deshalb reagiert er auch „sehr vorsichtig“ auf Madsens Selbstkritik. Der Norweger hatte in einem Tagesspiegel-Interview eingeräumt, dass er bei der WM in Melbourne zu schroff aufgetreten war und zu hart kritisierte.

Melzer begrüßt Madsens Selbstkritik, das schon, „aber er hat nicht gesagt, wie er etwas ändern will“. Für den 54-Jährigen aus Essen war Madsen bisher ein „Diktator“ und „kritikunfähig“. Jetzt soll das plötzlich anders werden? „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Wenn doch, dann hat Melzer sehr klare Vorstellungen über diese Änderungen. „Madsen muss anderen Trainern mit mehr Respekt begegnen.“ Und er müsse sich von der Vorstellung verabschieden, „dass er Trainern und Schwimmern wie in der DDR zentralistisch gelenkte Vorgaben machen kann“. So eine Arbeitsweise flüsterten ihm aber seine Ratgeber mit DDR-Vergangenheit, der Diagnose-Experte Klaus Rudolph und die Trainer Norbert Warnatzsch und Bernd Henneberg, ein. Gleichzeitig sagt Melzer aber auch: „Warnatzsch und Henneberg brauchen Madsen nicht, um ihre Athleten gut vorzubereiten.“ Das kann er heute ja nochmal im kleinen Kreis sagen. Die deutschen Spitzentrainer treffen sich in Kamen zur zweitägigen WM-Analyse, fehlen wird von den Spitzenbetreuern nur Stefan Lurz. Er hätte gerne erläutert, wie er seine Frau Annika zur Vize-Weltmeisterin über 200 Meter Freistil gemacht hat, aber er ist Versicherungskaufmann, er kann nicht mal kurz nach Kamen fahren.

Lurz findet es „gut, dass auch ein Sportdirektor seine Leistung hinterfragt“. Aber für ihn ist Madsen „nicht besonders schlimm“. Kritikunfähig? „Ich finde, er ist sogar sehr kritikfähig. Er hat sich in Melbourne vieles angehört und Entscheidungen eher zu oft geändert.“ Lurz versteht auch die Schwimm-Routiniers Lars Conrad und Mark Warnecke nicht. Die hatten Madsen wegen der atmosphärischen Probleme kritisiert. „Die beiden sind so lange dabei, die müssen so etwas abkönnen“ sagt Lurz. Und Warneckes Vorwurf, Madsen schüre ein Klima der Angst, kommentiert der Würzburger Lurz kurz und bündig: „Das ist ein Schmarrn.“

Aber die Zusammenarbeit der Trainer, da habe Madsen recht, „muss besser werden. Wir reden nicht genügend miteinander“. Weil sich Trainer als Konkurrenten betrachten, „wird viel Geheimniskrämerei betrieben“. Zu viel, sagt er, „auch wenn man natürlich ein paar Betriebsgeheimnisse für sich behält“. Auch seine Frau Annika, WM-Zweite über 200 Meter Freistil, registriert kein Klima der Angst. „Aber es sind Dinge vorgefallen, die ich nicht akzeptabel finde.“ Madsen sei in seinen Reden teilweise sehr hart. Und er könnte seine Einzelgespräche mit Athleten im großen Kreis doch ankündigen. Bis jetzt „schleicht er sich im gemeinsamen Training an den Beckenrand, zieht dich weg und redet mit dir“. Das hat dann den Touch von „Geheimnistuerei“. Das „gibt dann auch Gerede in der Mannschaft“.

Auch Stefan Döbler, Trainer von Rückenschwimmer Helge Meeuw, begrüßt die Selbstkritik. „Wenn er jetzt behauptet hätte, er hätte alles richtig gemacht, wäre das schlecht angekommen.“ Aber eines ist auch klar für ihn: „Wir müssen mit ihm weitermachen, das ist notwendig.“

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