Sport : Der Aufbruch von gestern

Frank Pagelsdorfs misslungenes Heimdebüt zeigt: Nur mit Nostalgie ist Hansa Rostock nicht zu retten

Sven Goldmann[Rostock]

Am Montag kommt der Kanzler nach Rostock. Gerhard Schröder spricht auf dem Neuen Markt, und es wird wohl kein Heimspiel. Die Arbeitslosigkeit ist hoch in Mecklenburg-Vorpommern, und die Perspektive, nun ja.

Frank Pagelsdorf hat einen anderen Job, aber ähnliche Probleme. Er ist sozusagen der Hoffnungsträger des Fußballregimes an der Ostsee, der noch einmal aktivierte Mann des Aufbruchs, der Gerhard Schröder des FC Hansa Rostock. Vor elf Jahren hat Pagelsdorf schon einmal hier angefangen. Damals wie heute war Hansa zweitklassig, bis der Fußballtrainer Pagelsdorf dem ärmsten aller Bundesländer einen Platz in der Bundesliga bescherte. Nach drei Jahren zog er weiter nach Hamburg, wo er mal Dritter wurde und dann arbeitslos. Seit zwei Wochen ist er wieder in Rostock. Zum Wiedersehen mit dem Ostseestadion gibt es am Freitag ein 2:3 gegen den Aufsteiger Eintracht Braunschweig, und Pagelsdorf schwärmt von seiner leidenschaftlichen Mannschaft. Nach drei Niederlagen in drei Zweitligaspielen entspricht Hansas Tabellenplatz den Umfrageergebnissen der SPD.

Frank Pagelsdorf ist nicht mehr der von 1994, der junge, aufstrebende Trainer, der beim 1. FC Union in Berlin von einem unfähigen Vorstand zweimal um den Aufstieg in die Zweite Liga betrogen wurde und um Satisfaktion kämpft. Seine Kritiker sagen: Pagelsdorf ist ein gescheiterter Mann. Den HSV habe er zwar mal in die Champions League geführt, aber danach sei es dem Verein eine Millionenabfindung wert gewesen, dass er geht. Er ist jetzt 47 Jahre alt, und den Job bei Hansa hat er nicht wegen seiner Arbeit zuletzt in Osnabrück und Dubai bekommen. Die Vereinsführung hofft, dass sich das Publikum mit Nostalgie besänftigen lässt.

Aber hat Rostock wirklich auf Frank Pagelsdorf gewartet? Am Tag seines Heimspiel-Debüts sind die Lokalthemen auf der Titelseite der „Ostseezeitung“: ein Käsedieb, der Auftakt des Rostocker Weinfestes, die Finanzierung der Ostsee-Autobahn. Kein Wort von Hansa. In der Fankneipe reden sie eine Stunde vor Spielbeginn über die tolle Zuschauerzahl beim ersten Heimspiel gegen Offenbach, das blamable 1:4 in München, das schlechte Wetter, sie reden über alles Mögliche, aber nicht über Frank Pagelsdorf. Als der eine knappe Stunde vor Spielbeginn den Rasen betritt, bleibt der Szenenapplaus aus. Später hilft der Stadionsprecher nach, und als Hansa nach drei Minuten in Führung geht, schwelgen die 15 000 Zuschauer im Ostseestadion schon wieder wie zu alten Zeiten.

Damals hat Pagelsdorf eine junge Mannschaft nach oben geführt und viel versprechende Leute mitgebracht. Stefan Beinlich, Marko Rehmer, Martin Pieckenhagen und Sergej Barbarez, alles spätere Bundesligastars. Diesmal tauchen in seinem Gefolge zwei Brasilianer auf, er kennt sie aus Dubai und Osnabrück. Der eine, Gledson, war gegen Braunschweig gesperrt und zählte vor einer Woche zu den Stützen einer Verteidigung, die im Pokalspiel beim Fünftligisten Villingen zwei Gegentore in den letzten Minuten kassierte. Der andere, Flavio, war im vergangen Jahr beinahe Stammspieler in der Regionalliga. Er beherrscht den Rückpass über fünf Meter fast genauso sicher wie den Querpass auf die gleiche Distanz. Die prägenden Spieler der Mannschaft heißen René Rydlewicz und Magnus Arvidsson, beide jenseits der dreißig.

In der zweiten Halbzeit schießt Braunschweig schnell zwei Tore, Hansa schafft noch den Ausgleich und kassiert doch kurz vor Schluss das 2:3. Die Zuschauer pfeifen leise, ein bisschen lustlos. Pagelsdorf geht auf den Platz, tätschelt seine Spieler und schickt sie dann alle in die Fankurve, aber nur drei schaffen es über die Strafraumbegrenzung hinaus, was irgendwie an das Spiel erinnert. Pagelsdorf stapft weiter und bessert Unebenheiten auf dem Platz aus. Als ob es daran gelegen hat. Nein, Pagelsdorf kennt die wahren Gründe: Der Schiedsrichter hat ein Handspiel des Gegners übersehen, ein Freistoß für seine Mannschaft war eigentlich ein Elfmeter, ein Rückpass zum Torwart ist nicht geahndet worden, und dann diese Ecke, das war doch ein Abstoß, „aus 70 Metern hat der Schiedsrichter das entschieden, ich glaube, das war vor dem ersten Gegentor“, also so etwas hat er in seiner gesamten Laufbahn noch nicht erlebt.

Das alles brummt er stückchenweise heraus, Pagelsdorf ist kein Meister des gesprochenen Wortes. Das zumindest wird ihm der Bundeskanzler am Montag voraushaben.

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