Sport : Der aufhaltsame Aufstieg des HSV

Hamburgs Handballklub schmiedete einst große Pläne – nun droht die Insolvenz

Erik Eggers

Drei zusammengeheftete Din-A-4-Seiten könnten in Zukunft reichen, um die Vereinsgeschichte des Handballklubs HSV Hamburg zu beschreiben. Für jedes Jahr eine Seite. Vor knapp drei Jahren ist der VfL Bad Schwartau nach Hamburg gezogen, benannte sich in HSV um und kaufte sich als Lizenznehmer die Raute des gleichnamigen Hamburger Fußballklubs. Der ehrgeizige Plan lautete, die Hansestadt als Handball-Markt zu erschließen. Damit könnte die Vereinsgeschichte bereits wieder enden.

Heute Abend mit dem Heimspiel des HSV Handball gegen den VfL Gummersbach in der modernen Color Line Arena, könnte ein krisengeschütteltes Projekt begraben werden. Schon seit längerer Zeit kämpft der Tabellendritte der Handball-Bundesliga um die Existenz. Die mit Weltstars gespickte Mannschaft war zu teuer, die Hallenmiete zu kostspielig, es kamen zu wenig Zuschauer. Kurz vor Weihnachten geht es nun offenbar nur noch um eine Frage: Auf welche Weise beschreitet der Klub den Weg zum Insolvenzrichter?

Am Mittwoch tagt der Vorstand der Deutschen Handball-Liga (HBL) in Magdeburg, um zum wiederholten Male über den HSV zu befinden. Dem Klub werden wegen zahlreicher Lizenzverstöße und einer mangelhaften Bilanz wahrscheinlich acht Punkte abgezogen. Damit würde der HSV auf Platz acht zurückfallen. Dass die HSV-Delegation über das Strafmaß noch diskutieren will, nimmt HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann nicht an. „Ich glaube, die wollen vor allem über ihre Zukunft diskutieren.“

Doch die ökonomische und juristische Ausgangslage ist verfahren. Die Omni Sport, mit 70 Prozent Mehrheitsgesellschafterin des HSV, ist mit rund 2,3 Millionen Euro überschuldet. Ihr Geschäftsführer Wilfried Klimek sitzt seit dem 3.Dezember wegen Betrugs und Untreue in zahlreichen Fällen in Lübeck in Untersuchungshaft. Ein Treuhänder, den alle als Strohmann Klimeks betrachteten, hat vergangene Woche aufgegeben. „Das Heft des Handelns liegt weiterhin bei der Omni Sport“, sagt HSV-Präsident Heinz Jacobsen. Doch Klimek verhält sich seit seiner Inhaftierung still.

Es droht die Insolvenz und damit ein Lizenzentzug, der den Zwangsabstieg und das Ende des Projekts bedeuten würde. Ein bereits diskutiertes Gnadengesuch der Liga, eine Art „Lex Hamburg“, die den HSV nach einer Insolvenz weiterspielen ließe, kommt für die Liga nicht in Betracht. Ein Klub darf seinen wirtschaftlichen Träger während der Saison nicht wechseln. „Wir haben außerhalb der Satzung keine Möglichkeiten“, sagt Bohmann, „außerdem wäre das eine eklatante Ungleichbehandlung gegenüber den Wettbewerbern.“ Dann würden der Liga Zivilprozesse der Klubs drohen, die an Stelle des HSV absteigen oder knapp den Europapokalplatz verpassen.

In Frage kommt gegenwärtig nur ein so genanntes Insolvenzplanverfahren, bei dem ein vom Gericht bestellter Geschäftsführer mit den Gläubigern des HSV über Quoten und Ratenzahlungen verhandeln würde. Dann könnte der HSV bis zum Ende der Saison unter der Omni Sport weiterspielen. Erst danach könnte ein neuer Hauptgesellschafter einsteigen. HSV-Präsident Jacobsen sagt: „Ich habe vernommen, dass in diese Richtung gedacht wird.“ Er möchte das in einer für heute einberufenen Expertenrunde „juristisch geklärt wissen“. Kommt es zu einer rechtlichen Auseinandersetzung, wird der ehemalige Torwart und Kölner Rechtsanwalt Andreas Thiel die Interessen der Liga vertreten. „Juristischen Rat brauchen wir aber derzeit nicht“, sagt Bohmann.

„Ich gehe davon aus, dass es hier weitergeht“, sagt Linksaußen Torsten Jansen. Aber sein Klub wird seinen hohen Etat drastisch reduzieren, Spielergehälter kürzen und wahrscheinlich auch auf Stars verzichten müssen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Die Brüder Gillaume und Bertrand Gille haben bereits erklärt, dass sie bis Weihnachten Klarheit über die Zukunft haben möchten. Ansonsten werden sie den Klub verlassen. Der derzeit verletzte Weltklasse-Kreisläufer Bertrand Gille wird bereits als Zugang beim VfL Gummersbach gehandelt.

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