Sport : Der Aufschrei des Anständigen

Ballack leistet sich eine eigene Meinung – und verwirrt damit seine Münchner Vorgesetzten

Daniel Pontzen

München. Beinahe hätte es den Streit gar nicht gegeben. Feuchtkalte Ungemütlichkeit durchzog den Kabinentrakt des FC Bayern, die Haare hingen Michael Ballack nass in die Stirn, er hatte keine Lust mehr zu reden. „Ich hab doch schon“, nölte er den schreibenden Journalisten mit Verweis auf seine soeben abgearbeiteten TV-Interviews entgegen, doch zu einer kurzen Einschätzung ließ er sich überreden. Wäre er direkt in die Kabine marschiert, wäre ihm nicht die kurz zuvor von Karl-Heinz Rummenigge vorgetragene Forderung auf einen Länderspiel-Verzicht ausgerichtet worden – dann hätte Ballack in Ruhe geduscht und es wäre den Bayern ein unschöner Abend erspart worden. So aber hörte sich Ballack Rummenigges Empfehlung an und fauchte dann mit einem Blick, den er von einem sehr zornigen Uli Hoeneß entliehen haben könnte: „Der soll nicht so einen Scheiß erzählen. Das ist unglaublich.“

Zumindest schwer zu glauben ist, dass dies derselbe Michael Ballack war wie jener, der vor gut einem Jahr im Ruf eines artigen Schulknaben stehend bei den Bayern begann und an dem sich seither in immer kürzeren Abständen die Diskussion um seine Führungsqualitäten entfachte. Er sei genial, aber zu brav, kein Typ, der seine Mannschaft mitreißen kann – so lautete der ausdauernd vorgetragene Vorwurf. Nicht erst Ballacks rau formulierte Adresse an den eigenen Vorstandschef aber lässt an dieser Einschätzung zweifeln. Michael Ballack leistet sich schon seit einiger Zeit eine eigene Meinung, er trägt sie öffentlich vor, zumeist nicht so polternd wie üblich in dieser Branche, aber bestimmt. Das ist bemerkenswert in einer Firma, in der Meinungsfreiheit zu den weniger penibel geschützten Grundrechten zählt: Bei taktischen Dingen etwa werden zweite Ansichten neben der von Trainer Ottmar Hitzfeld verlässlich mit Geldstrafen belegt. Darauf verzichtet die Vereinsspitze in Ballacks Fall. Rummenigge habe mit Ballack telefoniert und die Sache ausgeräumt. Auf der Wiesn stehe bereits die Versöhnungsmaß bereit.

Diese vergleichsweise nachsichtige Haltung wird ansonsten nur Oliver Kahn zuteil. Kollegen, die in der Hierarchie tiefer stehen, müssen zahlen nach Aussagen, die eine abweichende Meinung andeuten und nicht durch den üblichen Weichspül- Jargon zensiert sind. Der Spielmacher, der beim 4:1 über Hertha mit einem Tor und einer Vorlage trotz seiner Kapselverletzung im Sprunggelenk erneut maßgeblichen Anteil am Sieg der Bayern hatte, lässt sich nicht als Spielball wehrlos hin und her stupsen. Das machte Ballack zuletzt vor gut zwei Wochen deutlich, als ihm Günter Netzer, diesmal schriftlich, mangelnde Führungsqualität beglaubigt und dies sich und seinen Lesern mit Ballacks Herkunft aus der DDR erklärt hatte.

Ausgeruhter als im Kabinentrakt nach dem Hertha-Spiel reagierte Ballack da in kühler Souveränität: „Eigentlich ist er intelligent genug, so etwas nicht zu sagen. Er hat noch nie mit mir geredet und weiß nicht, wie ich mich täglich verhalte.“Vereinsintern hatte Ballack ebenfalls schon zuvor strittige Wortmeldungen kundgetan. Im Frühjahr forderte er eine Umstellung des Offensivspiels, und als kürzlich Giovane Elber aus dem Verein hinaus komplimentiert wurde, formulierte Ballack den Protest der Mannschaft und hielt ein flammendes Plädoyer für den Mitspieler.

Am Dienstag nun fährt Ballack nach Reinbek zum DFB-Treffpunkt. Aus Sicht von Teamchef Rudi Völler ist es sehr erfreulich, dass sich Ballack seiner Verantwortung bewusst ist. Die Nationalmannschaft, das war die Kernbotschaft Ballacks Widerrede gegen Rummenigge („Es wäre für den Spieler besser, wenn er nicht zur Nationalmannschaft fahren würde“), steht auf seiner Prioritätenliste weit oben. „Wenn man spielen kann, dann spielt man auch“, sagte Ballack, erst recht bei so einem wichtigen EM-Qualifikationsspiel wie kommenden Samstag gegen Island. „Solche Aussagen kann ich manchmal nicht nachvollziehen.“Das ist auch gar nicht so leicht. Rummenigge ist beim DFB Mitglied der „Arbeitsgruppe Nationalmannschaft“.

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