Sport : Der Auserwählte

Amerika feiert einen 18-jährigen Gymnasiasten aus Ohio als das größte Basketballtalent der Welt

Matthias B. Krause

New York. Die Angebote zweier konkurrierender Sportschuster für seine Exklusivvermarktungsrechte stehen bei 25 Millionen Dollar. Der Versicherungswert seines 2,03 Meter langen und 109 Kilogramm schweren Körpers beträgt fünf Millionen Dollar. Ein Trainer der nordamerikanischen Basketball-Profiliga (NBA) akzeptierte 150 000 Dollar Strafe, nur um ihn einmal in seinem Training zu haben. „Doch LeBron bleibt bescheiden, einfach weil er LeBron ist“, sagt LeBron James über sich selbst. Seit dem 30. Dezember ist er 18. Geht es nach seiner Mutter, seinem Stiefvater und allen, die das große Geld riechen, wird er im Juni als begehrtester Spieler in die NBA-Draft gehen. Bislang ist LeBron James jedoch nicht mehr als ein Gymnasiast aus Akron/Ohio, der ein bisschen besser Basketball spielt als seine Altersgenossen.

Okay, viel besser. Sehr viel besser. Darin sind sich alle einig. Er kann dunken wie der elegante Tracy McGrady, er kann zum Korb ziehen wie der dynamische Kobe Bryant, er kann fliegen wie der junge Michael Jordan, er kann passen wie der magische Earvin Johnson, er hat Spielintelligenz wie der legendäre Larry Bird. Böse Zungen behaupten, einige Teams verlieren absichtlich, weil sie auf das Zugriffsrecht auf LeBron James spekulieren. Die schlechteste NBA-Mannschaft hat in der Draft die besten Chancen auf die erste Wahl.

Im Dezember übertrug der Sportsender ESPN erstmals seit 13 Jahren wieder ein High-School-Spiel, weil die ganze Nation LeBron James sehen wollte. Sports Illustrated, das größte Sportmagazin der Welt, annoncierte James als „The Chosen One“ (Der Auserwählte) im vergangenen Februar auf seinem Titel. Keine Zeitung, keine Illustrierte und kein Sender im Land kann es sich leisten, den Hype zu ignorieren.

Es ist beinahe unmöglich, hinter all den Fanfaren den Jungen LeBron James zu erkennen. Seine Mutter war 16, als sie mit ihm schwanger wurde. Der Vater verschwand so schnell, wie er gekommen war und tauchte erst wieder auf, als er absah, dass sein Sohn demnächst Millionen verdient. Gloria Marie James lebte von Gelegenheitsjobs und Sozialhilfe und gab ihren Sohn zwei Jahre lang zu einer Pflegefamilie, weil sie sich außer Stande sah, sich um ihn zu kümmern. Dass er Basketball spielt, interessierte sie nie. Bis sie erkannte, wie gut ihr Sohn zu werden verspricht. Seitdem hat sie keine Partie mehr verpasst.

Eddie Jackson, ein verurteilter Drogendealer, Immobilienhai und Kleinkrimineller, der gelegentlich mit Gloria James ausgeht, schenkte LeBron vor kurzem einen Ford Explorer und legt Wert darauf, dass der Junge ihn „Vater“ nennt. „Wenn Du einen Sohn hast, der das Basketball-Land dominiert, dann schenkst Du ihm, was immer er verdammt noch mal will", sagt Jackson. Adidas-Repräsentant Sonny Vaccaro bewirft LeBron James mit Shirts, Trikots, Pullovern und allem, was seine Firma so produziert. Natürlich gibt es längst einen LeBron-James-Basketballstiefel. In Giftgrün, der Farbe von James’ katholischer High-School.

Es ist annähernd so schwer, in dieser Kakophonie eine Stimme der Vernunft zu finden, wie den Jungen auf dem Feld zu stoppen. Sein Trainer Dru Joyce II gibt sein Bestes. „Alle erwarten, dass LeBron direkt in die NBA geht und sie sofort dominiert", sagt der Mann, der dem kommenden Superstar für jeden Fluch auf dem Feld zehn Liegestütze abverlangt, „aber Kobe Bryant hat drei Jahre dafür gebraucht, ich mache mir einfach Sorgen um den Jungen“. Das Objekt der Begierde nimmt den Rummel erstaunlich selbstverständlich. Bislang hat er sich weder für einen Millionen-Vertrag mit Adidas oder Nike entschieden, noch schließt er aus, vielleicht doch aufs College zu gehen. Klar, er hat all seinen Teamkollegen ein neues Auto versprochen, sobald er einen NBA-Vertrag unterschreibt. Auf dem Schulhof zieht er Mädchen an den Zöpfen und sie rufen im „Dumbo“ hinterher. Wie der Disney-Elefant, weil LeBron James große, etwas abstehende Ohren hat. Nur auf sein Handy muss er aufpassen wie ein Schießhund, weil darin Michael Jordans Nummer gespeichert ist. Mit dem durfte er im Sommer mal trainieren. LeBrons Teamkollege Frankie Jr. sagt: „Die Nummer zu klauen, das ist unser großes Ziel für dieses Schuljahr.“

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