Sport : Der Außen aus der zweiten Reihe

Bei der EM der Handballer ragt Ersatzmann Torsten Jansen aus dem deutschen Team heraus

Klaus Rocca

Koper. Noch ehe die Schlusssirene ertönte, noch ehe Markus Baur den letzten Siebenmeter verwandelte, humpelte Torsten Jansen an der Außenlinie entlang Richtung Kabine. „Scheiße“, sagte er. Nicht eben fein, aber irgendwie die Situation treffend.

Dabei hätte Jansen noch einer der ganz Wenigen sein können, die an diesem tristen ersten Abend in der Bonifika-Halle von Koper mit sich zufrieden waren. Das war er aber nicht. „Was nützen mir meine Tore, wenn wir verlieren?“, fragte der Mann mit dem Stirnband. Gerade hatte er mit Deutschland das Auftaktspiel der Handball-Europameisterschaft 26:28 gegen Serbien und Montenegro verloren. „Das hatte ich mir alles ganz anders vorgestellt.“ Nicht nur er.

Eigentlich wäre Jansen gar nicht dabei gewesen. Doch Stefan Kretzschmars Verletzungspech war Jansens Glück. Nun hatte er auf der Linksaußenposition die Gelegenheit, zu zeigen, dass er kein schlechter Ersatz ist. Und er zeigte es, sehr beeindruckend sogar. Während ein Routinier wie Volker Zerbe erst nach 49 Minuten sein erstes Tor erzielte und Mannschaftskapitän Markus Baur an seinem 33. Geburtstag gar erst nach 52 Minuten erstmals aus dem Feld heraus traf, warf Jansen bei zehn Versuchen acht Tore. Eine herausragende Bilanz in einer Mannschaft, die in der ersten Halbzeit die klägliche Trefferquote von 34 Prozent hatte. „Torsten hat seine Sache nicht schlecht gemacht. Anfangs hatte er in der Deckung aber Probleme“, sagte Bundestrainer Heiner Brand. Nicht gerade ein überschwängliches Lob, doch Brand musste erst einmal seine Enttäuschung über die Niederlage verarbeiten.

Nun ist der 27-jährige Jansen in Slowenien zwar nur Ersatzmann, aber keineswegs ein Lehrling. Denn auch beim Sieg im zweiten Spiel gegen Polen war er einer der Stützen des Teams. Nach vier Toren und einer guten Leistung wurde er ausgewechselt – Trainer Brand wollte ihn für das Sonntagsspiel gegen Frankreich schonen.

Schon 1999 gab Jansen in Cottbus gegen Polen sein Länderspieldebüt, inzwischen sind es 35 Einsätze. Und schon vor Jahren sagte Bob Hannig, lange Zeit Kotrainer der Nationalmannschaft: „An Torsten kommt so schnell keiner vorbei. Sein Deckungsverhalten ist brillant.“ Außerdem kann er auch Tore werfen. Dass er, von einer Zwei-Minuten-Strafe abgesehen, im Auftaktspiel die ganze Zeit auf dem Feld stand, unterstreicht die Wertschätzung, die Brand dem beim HSV Hamburg spielenden Jansen entgegenbringt. Mit dem Großwallstädter Heiko Grimm hat er auf dieser Position allerdings auch nur eine Alternative.

Ob er seine Zukunft in der Nationalmannschaft sehe, wenn Kretzschmar nach Olympia aufhöre, wurde Jansen gefragt. Er könne diese Frage nicht mehr hören, antwortete Jansen – entgegen seinem Naturell – ein wenig barsch. „Akzeptiert mal meine Leistung und bringt nicht immer Stefan ins Spiel.“ So spricht einer, der sich seiner Fähigkeiten bewusst ist. Und der auch damit leben kann, dass der Bundestrainer sagt: „Vor Stefan Kretzschmar hat der Gegner immer Respekt. Und er bringt mit seiner ganzen Persönlichkeit auch Stimmung in die Mannschaft.“

Ein solcher Typ ist Torsten Jansen nicht. Doch auf sich aufmerksam macht er auch so. Nur dass er am Donnerstagabend wegen des verlorenen Spiels höchst unglücklich dreinschaute. Gegen Polen besserte sich seine seelische Verfassung schon etwas.

0 Kommentare

Neuester Kommentar