Sport : Der Auswärtsstürmer

Hertha BSC hat für seinen Spielmacher Marcelinho eine neue Rolle gefunden

Michael Rosentritt

Ein kleines Mädchen lauerte gestern vor der Kabinentür von Hertha BSC. Als Marcelinho ins Freie trat, nahm das Mädchen sich ein Herz und streckte dem dreifachen Torschützen des Vortags einen Blumenstrauß entgegen. Der Brasilianer bedankte sich brav und schrieb ein Autogramm. Anschließend verließ das Mädchen verzückt das Gelände. Marcelinho macht zurzeit jeden bei Hertha glücklich. „Er ist der absolute Topspieler für uns“, sagt Trainer Falko Götz. „Wenn er im Team funktioniert, hat Hertha Erfolg.“ So wie am Samstag, als Marcelinho beim 3:2-Sieg in Wolfsburg alle Berliner Tore schoss.

Seit dreieinhalb Jahren spielt Marcelinho in Berlin. Und seit dieser Zeit verhält sich Marcelinhos Leistung proportional zum sportlichen Abschneiden des Vereins. Man könnte auch sagen: Läuft es beim Brasilianer, dann läuft es auch für die Berliner. Als Marcelinho in der vergangenen Saison mehrere Monate ausfiel, durchlebte der Verein seine erfolgloseste Phase seit dem Aufstieg in die Bundesliga vor sieben Jahren. Mittlerweile hat Marcelinho 106 Bundesligaspiele für Hertha bestritten und dabei 42 Tore erzielt. Allein in den 15 Spielen der laufenden Saison sind es acht Tore, zudem bereitete er sechs weitere direkt vor. Auffällig dabei ist, dass er in Auswärtsspielen effektiver ist. Fünf seiner acht Tore erzielte er in fremden Stadien. Was dazu führte, dass Hertha derzeit zwar die erfolgreichste Auswärtsmannschaft ist (vier Siege), aber auch die drittschlechteste Heimmannschaft (ein Sieg). Diese eklatante Diskrepanz lässt sich wiederum an Marcelinho festmachen.

Anders als im Olympiastadion, wo Marcelinho mehr aus dem Mittelfeld agiert, spielt er auswärts eine andere Rolle – die eines hängenden Stürmers. Mit dieser neuen taktischen Rolle lassen sich gleich zwei Problem lösen. Da die nominellen Stürmer nicht erfolgreich sind (Rafael zwei Tore, Bobic ein Tor, Wichniarek null Tore) bietet es sich an, „den torgefährlichsten von allen“ (Götz) ins Sturmzentrum zu schieben. Das wiederum löst das zweite Problemfeld – die personelle und spielerische Ballung im Mittelfeld. Zumindest in Auswärtsspielen. „Ich fühle mich im Sturm sehr gut“, sagt Marcelinho, „damit schaffen wir Alternativen für unser Mittelfeld, in dem wir jetzt mehr Qualität haben.“

Hertha hatte im Sommer auf die bestehende Abhängigkeit zu Marcelinho reagiert und zwei offensiv starke Mittelfeldspieler verpflichtet. Gilberto und Bastürk sollen Marcelinho entlasten und Hertha für die Gegner weniger ausrechenbar machen. Allerdings ist man wohl auch davon ausgegangen, dass die eigentlichen Stürmer besser treffen. Jetzt gibt Manager Dieter Hoeneß vor, in Marcelinho schon immer einen Stürmer gesehen zu haben. Er sei zwar kein klassischer Mittelstürmer, aber er könne geradezu idealtypisch „um einen solchen herumspielen“.

In fremden Stadien geht dieser Plan auf. Marcelinho spielt dann meist neben Rafael als zweite Spitze. Seine Aufgaben im Mittelfeld teilen sich Bastürk und Gilberto. „Marcelinho kommt mit dieser Rolle ganz gut klar“, sagt Trainer Götz. In Heimspielen aber ist diese taktische Variante noch nicht angewendet worden. „Zu Hause tut die Mannschaft sich noch schwer“, sagt Hoeneß. Wer im Olympiastadion zu Gast ist, stellt sich tief in die eigene Abwehr, da wird es eng im gegnerischen Strafraum, so dass Marcelinho sich ins Mittelfeld zurückziehen muss. Dort häufen sich dann die technisch versierten Spieler wie Bastürk, Gilberto und eben Marcelinho. Das wiederum führt zu einem Verlust an Gestaltungsspielraum. An der Lösung dieses Problems arbeitet Hertha noch.

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