Sport : Der Ball ist platt

Italiens Vereine sind verschuldet – nun betteln sie beim Staat

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Von Vincenzo Delle Donne

Mailand. Was ist los mit den fußballverrückten Italienern? Der höchsten Spielklasse, der Serie A, droht die allgemeine Bankrotterklärung, und die Fans, die Tifosi, nehmen nur am Rande davon Notiz. Preiserhöhungen und Unwetterschäden bewegen sie laut Umfragen viel mehr als der Ball, der ohnehin nicht ins Rollen kommt. In diesen Tagen passiert Ungeheuerliches: Erstmals in der Geschichte der Serie A müssen die Tifosi nach den Ferien ohne ihren geliebten calcio auskommen.

Der für den 1. September geplante erste Spieltag wurde kurzfristig um zwei Wochen verschoben. Es war keine freiwillige Entscheidung, die der neue Liga-Präsident Adriano Galliani getroffen hatte. Denn acht Klubs drohten, nicht anzutreten. Grund: Die Liga steht zum Saisonstart ohne Pay-TV-Vertrag da, weil die Klubs sich nicht mit dem Sender „Stream“ einigen konnten, der vor einigen Monaten vom australischen Medientycoon Rupert Murdoch aufgekauft wurde. „Stream“ bietet immer noch 4,5 Millionen Euro pro Saison, die Klubs verlangen 10 Millionen Euro. Hinzu kommt, dass die staatliche Fernsehanstalt Rai für die Free-TV- Rechte statt der bisherigen 88,8 Millionen Euro nur 52 Millionen Euro pro Jahr zahlen will. „Ohne diese Fernseheinnahmen sind wir nicht in der Lage, unsere finanziellen Verpflichtungen einzuhalten“, sagt Brescias Klubpräsident Corioni. Er ist der Sprecher der revoltierenden Klubs. Ihre Alternative vor der neuen Saison heißt: Streik statt Konkurs.

Mittlerweile steht die Serie A vor dem Konkurs. Und das nicht wegen der ausbleibenden Fernseheinnahmen, sondern weil die meisten Klubs miserabel gewirtschaftet haben. Sie haben das Doppelte oder Dreifache dessen ausgegeben, was sie eingenommen haben. Der Schuldenberg der Serie A wird offiziell auf 1,8 Milliarden Euro beziffert. Tatsächlich dürfte er noch viel höher liegen. Während die Ausgaben für die Gagen der meisten Spieler weiter wachsen, gibt es verzweifelte Versuche einzelner Klubs, die inflationären Gehälter auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Inter Mailand etwa profitiert davon, dass Weltstar Ronaldo nach seinem Wechsel zu Real Madrid künftig nicht mehr auf der Gehaltsliste stehen wird. Und Stürmer Christian Vieri kürzte sich eigenhändig sein Jahresgehalt von 6,5 Millionen Euro (netto!) um 15 Prozent. Andere Kollegen der Branche weigern sich jedoch, freiwillig Einschnitte vorzunehmen. Sie verweisen auf gültige Arbeitsverträge.

Der Ruf nach staatlichen Subventionen wird immer lauter. In dieser Angelegenheit hat sich Liga-Präsident Adriano Galliani zum Fürsprecher der bankrotten Klubs gemacht. Galliani ist auch Berlusconis Handlanger beim Renommierklub AC Mailand, dessen Präsident der italienische Ministerpräsident seit 1986 ist. Davon könnten die bankrotten Klubs jetzt profitieren. „Der Staat schuldet dem Fußball einiges“, sagt Galliani. Insgesamt zahlen die Fußballklubs pro Jahr 1,2 Milliarden Euro an Steuern. Und jetzt sei es an der Zeit, dass sich der Staat in dieser harten Krisenzeit revanchiere.

Mittlerweile aber stehen Galliani und Berlusconi selbst in der Kritik, nachdem sie für 30,2 Millionen Euro den italienischen Nationalspieler Nesta unter Vertrag genommen haben. Dabei hatte Berlusconi erst vor einer Woche Nestas Verpflichtung noch ausgeschlossen und für eine strenge Sparpolitik im italienischen Fußball plädiert. „Es ist ein Skandal, Berlusconi hat keinen Respekt. Zuerst spricht er von Krise des italienischen Fußballs und dann gibt er Millionen für einen einzigen Spieler aus“, schimpfte der frühere Nationalspieler Gianni Rivera. Oppositionschef Francesco Rutelli beschuldigte Berlusconi, ein Lügner zu sein. Er habe hoch und heilig versprochen, dass er im italienischen Fußball eine strenge Sparpolitik fördern wolle und die Verpflichtung Nestas ausgeschlossen. Nun habe er sein Wort gebrochen.

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