Sport : Der Basketballer muss nach seiner Verletzung lernen, wieder normal zu laufen

Benedikt Voigt

Als letzter Spieler von Alba Berlin schleicht Jörg Lütcke aus der Halle. Seine dunkelblaue Kniebandage hängt auf Wadenhöhe, das linke Bein zieht der 24-Jährige langsam nach. Er wird doch nicht schon wieder verletzt sein? "Nein, so schlimm ist es nicht", sagt Lütcke, "ich muss mich nur wieder daran gewöhnen, normal zu laufen." Seit dem 26. Juni 1999 läuft bei ihm nichts mehr normal. An jenem Tag riss ihm beim Europameisterschaftsspiel gegen Italien das vordere Kreuzband im linken Knie. War seine Karriere bei Alba und im Nationalteam stetig ansteigend gewesen, so musste er nun ganz von vorne beginnen.

"Es war eine lange Zeit", erinnert sich Lütcke, "ich konnte immer nur ein kleines Stück mehr machen." Doch mit dem 17. Januar kehrte beim 2,01 Meter großen Flügelspieler wieder Normalität in sein Leben ein. An diesem Tag gab ihm beim Arzt der "Schubladentest", der den Spielraum des Kniegelenks misst, letzte Gewissheit: Alles wieder in Ordnung im linken Knie, das Training mit der Mannschaft kann beginnen. Jörg Lütcke ist wieder mittendrin, aber noch nicht dabei.

Zum Beispiel heute, wenn seine Mannschaft beim frisch gekürten italienischen Pokalsieger Benetton Treviso um zwei wichtige Punkte für den Einzug in die Play-offs der Europaliga kämpft (20.30 Uhr, live im Inforadio). Treviso, Moskau, Berlin und Bursa streiten noch um die Plätze zwei bis fünf in der Gruppe E. "In der Zeit habe ich für meinen Körper Besseres zu tun", erklärt Lütcke. Er bleibt zu Hause und trainiert morgens und abends beim Zweitligisten TuS Lichterfelde mit. "Danach werde ich Stephan Baeck anrufen", sagt Lütcke. Die Pleite im Hinspiel gegen Treviso (66:76) erlebte der Rekonvaleszent auf der Ersatzbank mit. Dabei warf Svetislav Pesic dem Benetton-Routinier Ricardo Pittis den Ball an den Kopf. Weil sich der Trainer von Alba Berlin von dem italienischen Beau provoziert fühlt, bereut er diese Tat nicht. "Ich habe gar nichts zu lernen", sagte Pesic in einem Fernsehinterview, "schade, dass Pitis erst durch mich gelernt hat, wie er mit Coaches umzugehen hat."

Ganz andere Dinge lernt Jörg Lütcke gegenwärtig. Während der Körper endlich mitspielt, muss nun, wie Lütcke sagt, "die mentale Narbe" verheilen. Dafür gibt es im Training vom Physiotherapeuten hin und wieder einen Schlag auf das operierte Knie. "Er muss Vertrauen in das Gelenk bekommen", begründet Michael Trepte seine ungewöhnliche Maßnahme. Auch übt er mit Lütcke das richtige Fallen. Wie ein Judokämpfer schmeißt sich der Basketballer nun auf Weichbodenmatten. "Wenn man eine Bewegung schult, kann man sie später leichter abrufen", erklärt der Physiotherapeut. Lütcke verbesserte während seiner Verletzungszeit seine Wurftechnik, denn dazu musste er nicht laufen. Inzwischen geht er mit seinem Körper anders um. "Als junger Spieler wollte man immer nur schnell spielen, nun trainiert und dehnt man sich bewusster."

An das Karriereende hat Jörg Lütcke in den vergangenen sieben Monaten nie gedacht. "Ich war vollkommen mit der Rehabilitation beschäftigt, da kommen solche Gedanken gar nicht auf." Außerdem half er mit, die neue Gewerkschaft der Berufsbasketballer zu gründen. "Briefe schreiben, Adressen herausfinden - alles, was nicht so viel Spaß macht", sagt der junge Mann mit dem Grunge-Bart. Was eine gute Absicherung bedeutet, hat er ja durch sein Unglück erfahren. Sein Gehalt übernahmen während der Rehabilitation die Versicherungen von Alba Berlin und der Nationalmannschaft. Zwar ist noch nicht alles Geld da, doch Lütcke sagt: "Ich habe andere Sorgen, als mich darum zu kümmern."

Für ihn gilt es, noch den letzten Schritt zu tun: das erste Punktspiel. "Jetzt wird man ein bisschen ungeduldiger", gibt Lütcke zu. Nach der Länderspielpause Ende Februar will er seinen Namen wieder in den offiziellen Statistiken lesen. "Aber ich muss das noch mit dem Trainer absprechen." Eigentlich hat er sein Comeback-Spiel schon absolviert. In der vergangenen Woche mit dem TuS Lichterfelde gegen den Drittligisten BG Zehlendorf, ein Trainingsspiel mit Schiedsrichtern. Neun oder elf Punkte habe er dabei geworfen, glaubt Lütcke, aber das sei sowieso nicht bedeutend. Viel wichtiger: "Der erste Wurf war drin - ein gutes Zeichen."

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