Sport : Der baskische Traum

San Sebastian kann heute Meister werden – wenn die Landsleute aus Bilbao mitspielen

Harald Irnberger

Madrid. Raynald Denoueix, der französische Trainer von Real Sociedad, träumt immer noch. Von einem erfolgreichen Sonntag, der spanischen Meisterschaft, mithin also von einem kleinen Wunder.„Solange man lebt, kann man hoffen“, sagt der 55-Jährige. Im vergangenen Sommer hat er die Fußballmannschaft aus San Sebastian übernommen und sie gleich zum Überraschungsteam der Saison hochkatapultiert hatte. Im Herbst blieb der Klub ungeschlagen, erst im letzten Drittel der Meisterschaft gab es den einen oder anderen Einbruch. Aber auch einen spektakulären 4:2-Heimsieg gegen Real Madrid.

Das Hinspiel in Madrid im Bernabeu-Stadion hatte 0:0 geendet. Im direkten Duell liegt also der Außenseiter vorn. Das könnte den Ausschlag im Titelrennen geben: Real Sociedad wäre Meister, wenn es heute sein Heimspiel gegen Atletico Madrid gewinnt und Real Madrid gegen San Sebastians baskische Landsleute von Athletic Bilbao über ein Remis nicht hinauskommt. Dann wären die beiden Titelanwärter punktgleich. Da fiele nicht mehr ins Gewicht, dass die Madrider das bessere Torverhältnis haben. Das würde bei Punktgleichheit keine Rolle spielen.

Als Kuriosität kommt hinzu, dass am letzten Spieltag jeder auf die Schützenhilfe von traditionellen Konkurrenten hofft: Real Madrid darauf, dass der Stadtrivale Atletico in San Sebastian wenigstens zu einem Punkt kommt. Real Sociedad wiederum kann den Titel nur gewinnen, wenn der baskische Lokalrivale Athletic Bilbao in Madrid nicht verliert. Doch während es für Atletico um nichts mehr geht, muss Athletic aus eigenem Interesse den Erfolg suchen, um im nächsten Uefa-Cup starten zu können. Der direkte Konkurrent ist dabei der FC Barcelona – der somit auf einen Sieg seines Erbfeindes Real Madrid setzen muss. Zur Erinnerung: 1980 gewann Real Madrid seinen 20. Meistertitel vor Real Sociedad durch ein 3:1 am letzten Spieltag gegen Athletic Bilbao. Im Madrider Mittelfeld agierten damals der jetzige Trainer Vicente del Bosque und Uli Stielike.

Gefeiert wird auf jeden Fall

In San Sebastian wurde schon vor dem Meisterschaftsfinale für den kommenden Dienstag ein Festakt anberaumt, um die Mannschaft zu feiern, die auf jeden Fall in der kommenden Champions League dabei sein wird – wie nach den bislang einzigen Meistertiteln des Vereins 1981 und 1982 im damaligen Europacup der Meister.

Im Mittelpunkt der Feiern wird einer stehen, der so wirkt, als wolle er von niemandem erkannt werden: der introvertierte Trainer Denoueix. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, arbeitete er mit demselben Kader, der in den drei Jahren zuvor jeweils über den 13. Rang nicht hinausgekommen war. Doch unter dem Zepter des Franzosen gelang nun vor allem drei Kickern ein steiler Aufstieg: Der 22-jährige Xabi Alonso entwickelte sich zu einem der besten in Spanien tätigen Mittelfeldregisseure, und der nach drei erfolglosen Jahren in Italien zurückgekehrte Serbe Darko Kovacevic wurde als Torjäger gefährlicher als je zuvor. Den großen Durchbruch aber schaffte der 24-jährige Türke Nihat: ein Spielgestalter der auch zum Abschluss im Strafraum präsent ist. Und der sich zudem als Freistoß- und Distanzschütze bewährte.

Sieht man von diesem Trio und dem russischen Veteranen Karpin ab, besteht die Elf durchgehend aus eher unauffälligen Wasserträgern. Doch unter Trainer Raynald Denoueix erreichten sie allesamt ihr maximales Leistungsniveau. Vor allem schweißte sie der Coach zu einer kompakten Einheit zusammen, bei der die Abläufe fast blind funktionieren. So kam ein solider, offensiver Spielstil zustande, der nichts gemein hat mit den permanenten Zerstörungsbemühungen anderer Klubs. Zudem wusste Denoueix das Formhoch seiner Leute auf lange Distanz zu konservieren: Real Sociedad stand 21 Spieltage an der Tabellenspitze – Real Madrid dagegen nur zehn.

Erst als der Titel in greifbare Nähe rückte, kam beim Außenseiter Nervosität auf. So wurde in der vorletzten Runde aus einem Ein-Punkt-Vorsprung ein Zwei-Punkte-Rückstand. Damit hat also Real Madrid die bessere Ausgangsposition und kann aus eigener Kraft zum 29. Mal Meister werden.

Spaniens Saisonfinale live im Fernsehen: Konferenzschaltung ab 21 Uhr auf Premiere.

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