Sport : Der Beau wird geopfert

Thomas Ulrichs klare Punktniederlage könnte seine Boxkarriere beenden

Hartmut Scherzer[Oberhausen]

Bei einem so genannten Stallkampf um die Weltmeisterschaft kann einer nicht verlieren: der Manager und Promoter der beiden Boxer. Im Fall des souveränen Punktsieges von Zsolt Erdei (32) über Thomas Ulrich (31) konnte sich Klaus-Peter Kohl sogar als der große Gewinner der Boxnacht von Oberhausen fühlen. Es hat sich in der Hierarchie in seinem Universum-Boxstall durch das Resultat nichts geändert. Der Ungar, der diesen sympathischen Puszta-Charme ausstrahlt, ist nach 25 Profi- und sieben WM-Kämpfen weiterhin unbesiegter WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht und die Nummer eins im Boxstall.

Trotz der Niederlage des Deutschen Thomas Ulrich, sieht Kohl, dass seine Taktik voll aufgegangen ist. „Heute haben Millionen Menschen Zsolt Erdei siegen sehen“, sagte der clevere Hamburger Geschäftsmann, „wenn ich einen anderen Gegner geholt hätte für Erdei, wäre es ein Kampf wie jeder andere gewesen mit einer geringen Quote.“

Für die Popularität des Budapesters wurde also die Beliebtheit des verschlossenen Berliners rigoros genutzt. Der Beau wurde dem Bekanntheitsgrad des Ungarn in Deutschland geopfert. „Thomas wollte den Kampf“, erklärte Kohl. Einen Kampf, von dem jeder bei Universum in Hamburg und Berlin wusste, dass der deckungsschwache, psychisch labile Ulrich kaum eine Chance gegen den ausgebufften, nahezu perfekten Erdei haben würde. Zumal in der Ecke des Ungarn auch noch Trainer Szdunek stand, der zwei Jahre lang versucht hatte, aus dem introvertierten Ulrich einen aufgeschlossenen Jungen zu machen. Dessen aktueller Trainer Torsten Schmitz hat die gleiche Erfahrung gemacht. „Thomas macht sich zu viel Gedanken und hat Probleme mit sich selbst.“

Der geschmeidige Titelverteidiger erteilte allein mit seinem linken Jab dem einfallslosen Stallgefährten eine Boxlektion. „Die Führhand war eine Rakete“, sagte Ulrich, „ich habe sie nicht gesehen.“ Die Beschäftigung des Referees aus den USA bestand allein darin, nach jeder Runde die Punktzettel einzusammeln. Deren Addition (120:108, 118:110, 116:112) dokumentiert die Einseitigkeit des undramatischen Stallkampfes. Ulrich musste nach dem Auftritt im „Aktuellen Sportstudio" ins Krankenhaus zu einem Gesichtschirurgen gebracht werden – zur Behandlung seiner Wunden.

Nun ist der Vereinigungskampf gegen den WBA-Weltmeister Fabrice Tiozzo aus Frankreich das nächste Ziel. Was aber wird aus Thomas Ulrich? Nach der zweiten schweren Niederlage innerhalb von zehn Monaten dürfte der sensible Boxer den Karriereknick kaum verkraften.Trotzdem sagte er nach dem Kampf trotzig: „In mir brennt’s wie Feuer für den Sport, ich will weiter boxen.“

Doch die Worte der Universum-Verantwortlichen klangen eher tröstend. „Thomas muss nach dieser kämpferischen Leistung nicht aufhören“, sagte Sdunek, „aber er muss seine mentalen Probleme in den Griff kriegen.“ Auch wenn Kohl noch nicht vom Karriereende Ulrichs redete, spricht doch vieles dafür, dass dieser Boxer in seinem Stall bald ausgemustert wird.

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