Sport : Der bekloppte Träumer

Jan Ullrich war sein größter Coup, die Tour de France seine schönste Vision – doch der Textilunternehmer Günther Dahms hat sich übernommen, sein Team Coast steht vor der Pleite

Hartmut Scherzer

Frankfurt (Main). Eines kann man Günther Dahms kaum unterstellen: dass der Textilunternehmer ein Selbstdarsteller ist. Der 45-jährige Boutiquen-Besitzer aus dem Ruhrgebiet ist ein Radsport-Verrückter, den nicht Eitelkeit dazu treibt, Millionen von Euro aus seinem Privatvermögen in ein Rennteam zu stecken. Seine Motive hat der Unternehmer aus Essen so erklärt: „Ich bin vorbestraft wegen Radfahrgeilheit.“ Jetzt wird Dahms wieder bestraft. Der Weltsportverband UCI greift ein: Dahms Rennstall Coast ist für alle Rennen gesperrt. Erst wenn der Unternehmer alle Rechnungen, die ihm ein paar seiner Fahrer seit längerem präsentieren, bezahlt hat und eine Bürgschaft für alle Löhne des Jahres 2003 vorlegt, dürfen seine Athleten wieder um Siege kämpfen. Bis dahin ist auch der Star des Teams, Jan Ullrich, der Tour-de-France-Sieger von 1997, zum Zuschauen verdammt. Mehr und mehr ist fraglich, wie lange Ullrich noch bei Coast ist.

Vor drei Jahren war die Welt des Günther Dahms noch in Ordnung. Als die Tour de France 2000 kurzzeitig durch Deutschland rollte und Millionen Menschen am Straßenrand standen, da wurde der T-Shirt-Verkäufer zum Visionär. „Für zehn Millionen Mark kann ich einen Rennstall aufbauen“, sagte er damals, „und der Rennstall kann bei der Tour de France mitrollen.“ Sein buntes Coast-Label auf den Trikots permanent im Fernsehen – das war sein Traum. Mit den Altstars Alex Zülle und Fernando Escartin, die im Jahr zuvor Tour-Sieger Lance Armstrong auf dem Siegerpodest in Paris flankiert hatten, kaufte sich Dahms in die Champions League des Radsports ein.

Bei der Präsentation der Essener Antwort auf das Bonner Team Telekom Anfang 2001 im Dachterrassen-Restaurant des Berliner Reichstags stand Dahms glücklich lächelnd, aber unerkannt im Hintergrund. Der leise Mann mit den schulterlangen Haaren und der drahtlosen Brille präsentierte lieber Hans-Dietrich Genscher auf der Bühne. Jeder fragte sich, was der Architekt der deutschen Einheit mit den Coast-Radlern zu tun hatte. Aber Genscher garantierte die Aufmerksamkeit, die kein Zülle, kein Escartin und schon gar kein Herr Dahms bewirkt hätten. Und das reichte Dahms.

Als der Unternehmer zwei Jahre später Jan Ullrich als neuen Coast-Kapitän vorstellte, brauchte er keine Ersatzstars mehr. Das Comeback eines gefallenen Helden in der Zeche Zollverein geriet von selbst zum Medienevent. Ullrichs Vertragsunterschrift mag Dahms wie ein Autogramm des Stars für seinen größten Fan empfunden haben. Wie ein Verehrer genoss es Dahms nun, inmitten der Blitzlichter und Scheinwerfer zu stehen.

Doch es brauchte Geld als Argument, um Ullrich zu holen – nicht Verehrung. Mit 8,2 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre, wie aus zuverlässiger Quelle zu erfahren ist, lockte der Mäzen den Superstar in sein Team. Kaufmännische Vernunft störte da leider nur. Dabei stand Dahms lange vor dem astronomisch hohen Angebot an Ullrich in der Radszene in dem Ruf, ein windiger Fantast zu sein. Zweifel an seiner Bonität und Seriosität kursierten in der Branche. Sein mittelständisches Unternehmen setzte zu dieser Zeit gerade mal 50 Millionen Euro um.

Längst hatte Dahms Probleme. Längst waren Klagen über säumige Lohnzahlungen, unbezahlte Rechnungen und umstrittene Steuerabzüge beim Weltverband UCI bekannt. Immer wieder kam es vor, dass Coast mit Zahlungen in Verzug geriet, Fristen für die Abgabe von Unterlagen von Verträgen nicht einhielt, Bankgarantien nicht erbrachte. „Ich bin ein kleiner Chaot“, versuchte Dahms auf nonchalante Art die Wirren zu erklären. Da war schon mal der Rosenmontag schuld, dass die Banküberweisungen nicht rechtzeitig auf die Konten seines Radpersonals flossen. Nun, nach erneuten Versäumnissen, gelten solche Ausreden nicht mehr.

Als Dahms dem Ruhm ganz nah war und Ullrich bei ihm unterschrieb, da dachte er, dass nun die Sponsoren bei ihm Schlange stehen würden. Doch es kam kaum einer. Und in der Textilbranche herrschte Krise. Die Gewinneinbußen in seinen 16 Modefilialen beziffert Dahms auf 20 Prozent. Die Millionen- Verträge mit Ullrich und dessen Entourage sind in Gefahr, sie waren nicht solide finanziert. Nun droht dem Coast-Team Insolvenz.

Günther Dahms hat für seinen Traum vom Radsport die kaufmännische Realität ausgeblendet. Er hat dafür nur eine Erklärung: „Ich bin ein bisschen bekloppt.“

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