Sport : Der berechnete Machtwechsel

Formel-1-Pilot Alonso vor dem WM-Gewinn

Christian Hönicke[Spa]

Es ist still. Teilnahmslos schaut Fernando Alonso auf das Mikrofon, das vor ihm liegt. Irgendjemand hat in die Runde aus fünf Piloten gefragt, wie man die Formel 1 attraktiver gestalten könne. Die Rennfahrer, unter ihnen Alonso, scheinen nicht sicher, wer darauf am besten antworten könne. Als BAR-Honda-Fahrer Jenson Button schließlich zum Mikro greifen will, schreitet der Moderator der Podiumsdiskussion ein: „Das ist sicher eine Frage für einen potenziellen Weltmeister. Nicht wahr, Fernando?“ Stille. Dann nimmt Alonso widerwillig das Mikrofon in die Hand.

Fernando Alonso ist kein Weltmeister, noch nicht. Am Sonntag jedoch kann er beim Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps (14 Uhr, live in RTL und Premiere) der jüngste Formel-1-Titelträger aller Zeiten werden – falls überhaupt gefahren werden kann. Das zweite Freie Training am Freitag musste wegen heftigen Regens abgesagt werden und einige Fahrer dachten bereits laut über eine Absage des Rennens nach.

So könnte das Wetter Fernando Alonso noch vom Weltmeistertitel fernhalten. Der Spanier muss mindestens vier Punkte mehr holen als sein einzig verbliebener Konkurrent Kimi Räikkönen. Nach fünf Jahren der Vorherrschaft Michael Schumachers bereitet sich die Formel 1 auf einen Machtwechsel vor. „Ich denke, dass die Formel 1 einen guten Weltmeister haben wird“, sagt Ferrari-Pilot Rubens Barrichello. „Er ist charismatisch, und außerdem ist er nicht einmal im schnellsten Auto unterwegs.“ Mit einer Mischung aus Konstanz, Effizienz und Präzision hat Alonso aus seinem Renault, der in der Kategorie Geschwindigkeit nicht an der Spitze liegt, Rennen für Rennen das optimale Resultat herausgeholt. Noch vor den eifrigen Statistikern verkündete der 24 Jahre alte Spanier zur Hälfte der Saison, dass es ihm von nun an genügen würde, bei den verbleibenden Rennen jeweils Zweiter zu werden. Dann wäre er am Ende auch Weltmeister.

Diese Vorgabe erfüllte Alonso mit bemerkenswerter Genauigkeit. Wenn er mehr Risiko eingegangen wäre, hätte er zumindest die Rennen in Großbritannien und in Italien gewinnen können – oder eben den Titel verlieren können. Der Spanier entschied sich jeweils für den zweiten Platz und lag damit nicht nur nach Michael Schumachers Meinung richtig. Der siebenmalige Weltmeister sagte über seinen potenziellen Nachfolger: „Fernando kann Situationen instinktiv richtig einschätzen. Das ist wie ein Puzzle, bei dem man alles zusammensetzen muss. Das können nur die Wenigsten.“

Alonso puzzelt überdies mit einer außergewöhnlichen inneren Ruhe. „Obwohl er unter enormem Druck steht, zeigt er nie Überreaktionen“, sagt sein Teamchef Flavio Briatore. Atemraubende Manöver waren von Alonso bislang selten zu sehen. Andererseits hat er in dieser Saison bislang keinen einzigen gravierenden Fehler begangen. Briatore glaubt sogar, dass Alonso die Rennserie auf Jahre hinaus dominieren wird. „Fernando ist jetzt schon besser, als Michael es bei seinem ersten Titel war“, sagt Alonsos Vorgesetzter, der auch mal mit Michael Schumacher gearbeitet hat.

Ein Titel sage noch nicht so viel aus, entgegnet Michael Schumacher. „Ich sehe das eher so wie ein Klub. Im Ein-Titel-Klub sind eine ganze Menge Leute, erst ab zwei oder drei Titeln wird es ein bisschen exklusiver.“ Dann lehnt er sich in dem beruhigenden Gefühl zurück, dass er noch eine Weile dem exklusivsten Klub der Formel 1 angehören wird. Es wird noch mindestens sechs Jahre dauern, bis Alonso auch bei der Titelsammlung so gut ist wie er.

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