Sport : Der Berliner Revolutionär

Frank Wormuth trainiert jetzt den 1. FC Union – doch einen Fanklub hat er nur beim Stadtrivalen Hertha BSC

André Görke

Berlin - Jürgen Keiser hat erst einmal die Hände vors Gesicht geschlagen, als er die Nachricht hörte. „Frank Wormuth wird neuer Trainer beim 1. FC Union – ach, bitte nicht!“ Man muss dazu wissen: Jürgen Keiser ist Fan von Hertha BSC, dem Stadtrivalen von Union; und vor allem ist Keiser Gründer des „Frank-Wormuth- Fanclub“ von 1983. „Das kann er doch nicht machen, einfach zu Union gehen, oder?“, sagt Keiser.

Doch, Wormuth kann. Gestern Mittag hat ihn der Berliner Zweitliga-Absteiger in der Köpenicker Geschäftsstelle vorgestellt. Wormuth, 43 Jahre alt, erhält einen Zwei-Jahres-Vertrag, der jedoch nur für die Regionalliga gilt. Falls Union demnach bis 9. Juni nicht die von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) geforderte Liquiditätsreserve in Höhe von 1,46 Millionen Euro aufbringt und somit in die Oberliga abrutschen würde, wäre Wormuth wieder arbeitslos. „Union ist für mich eine große Herausforderung“, sagte der neue Trainer zur Begrüßung. „Ich habe meine Vorstellungen und möchte natürlich wichtige Stammspieler halten.“ In den nächsten Tagen werde er deshalb „viele Gespräche“ führen.

Das wird auch Jürgen Keiser, der Hertha-Fan. Er will demnächst beim Training des 1. FC Union vorbeischauen und den Trainer fragen, warum er zum Berliner Stadtrivalen gewechselt ist.

Auch Wormuth erinnert sich an seinen Hertha-Fanklub, „auch wenn ich nie verstanden habe, warum die Jungs ausgerechnet mich, den Allerwelts-Verteidiger, auserkoren haben“, sagt er. Wormuth hat zwischen 1983 und 1986 für den Zweitligisten Hertha BSC gespielt. Damals stand Andreas Köpke im Tor, der später Nationaltorhüter und Weltmeister wurde. „Köpke hat furchtbar gehalten, aber den fanden alle toll“, sagt Keiser. Seinen Freunden hatte es damals Wormuth angetan. Sein Spiel: unauffällig, sachlich, konzentriert. Und eines sei noch wichtiger, sagt Keiser. „Der Frank hat sehr viel im Kopf.“ Wormuth war vor einigen Jahren Sportdozent an der Universität in Basel.

Im Herbst 1983 bastelten zwölf Hertha-Fans eine Zaunfahne. Sie hängten das lange weiße Plakat mit dem blauen Schriftzug „Wormuth- Fanclub“ im Oberring auf; auf den Stofffetzen klebten sie das Konterfei ihres Lieblingsspielers. „Wir haben mit Frank die Revolution im Olympiastadion eingeleitet“, sagt Keiser. Transparente gab es damals nicht, heute hängen sie überall. Wenn er schlecht spielte, hätten die anderen Hertha-Fans „Wormuth raus!“ gerufen, um seinen Fanklub zu ärgern. „Es war absurd“, sagt er.

Die Fans trafen sich mit Wormuth zum Picknick im Grunewald, halfen beim Umzug, guckten nach einem Heimspiel gemeinsam die Sportschau. „Er mag keine Fans, die grölen und sich volllaufen lassen“, sagt Keiser. Und Wormuth spielt den Pass zurück: „Sie waren keine typischen Fans, sie waren ruhiger.“ Nur einmal haben sie ihrem Lieblingsspieler „etwas zu intensiv“ gehuldigt. Auf den Heckscheiben ihrer Autos klebten die Schilder „Fanclub Fahrzeug 9“. Oder: „Fahrzeug 14“. Dabei waren sie nur zu zweit.

Zwei Mal im Monat produziert Keiser mit Freunden das Hertha-Echo, eine Radiosendung. Jetzt ist Hans Meyer, Herthas Ex-Trainer, Studiogast, der nächste wird wohl Wormuth sein. Der Unioner.

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