Sport : Der bessere Henman

Moritz Schuller

Nachdem Michael Ballack in Deutschland alles, was man nicht gewinnen kann, nichtgewonnen hatte, ging er nach England. Um zu gewinnen, dachten alle. In Wahrheit wechselte er zu Chelsea, um seine Fähigkeiten in der Kunst des Nichtgewinnens weiter zu verfeinern. Er ging dazu in ein Land, in dem das restlose Ausschöpfen der eigenen Fähigkeiten als vulgär gilt. Der historische Triumph des ehemaligen englischen Tennisprofis Tim Henman liegt zum Beispiel darin, dass er sich jahrelang einem Sieg in Wimbledon verweigerte. Das „Henman-Syndrom“ beweist, dass der Sinn des Lebens darin besteht, unvollendet zu bleiben. Dass Henman damit zum Sieger der „Times“-Liste der 50 größten britischen Verlierer wurde, ist tragisch, nur nicht seine Schuld.

Ballack hätte sich in der 93. Minute in den Schuss von Iniesta werfen können. Womöglich hätte er so den Ausgleich und damit das Ausscheiden seines Vereins verhindert. Er drehte sich jedoch weg. Wie damals, im WM-Halbfinale gegen Italien, als er sich dem Schlenzer von Grosso auch nur halbherzig in den Weg stellte. Jetzt tat er es, weil er nicht siegen wollte – auf Kosten einer neuen Erfahrung im Nichtgewinnen. Er hielt sich, selbst in der Nachspielzeit, an die Regeln des „Henman-Syndroms“. Und dann zeigte er, was er seit seinen Niederlagen in Deutschland gelernt hat: Er beschimpfte den Schiedsrichter. Offenbar weiß er, dass in England, wo man Oscar Wilde liest, etwas wichtiger ist als Nichtgewinnen: „Es geht nicht darum, ob man gewinnt oder verliert, sondern darum, wem man die Schuld gibt.“

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