Sport : Der bessere Kahn

Jens Lehmann wurde immer für etwas zu leicht befunden, jetzt zeigt er, dass er auch die Verbissenheit seines Vorgängers haben kann

Stefan Hermanns

Berlin - Jens Lehmann ist ein intelligenter und gebildeter Mensch. Er hat Abitur gemacht und als einer der wenigen Fußballprofis sogar neben seiner Karriere ein Studium aufgenommen. Öffentliche Auftritte Lehmanns führen daher häufig zu überraschenden Erkenntnisgewinnen. Gestern zum Beispiel hat der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft enthüllt, dass München zwar auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland liegt, dass es sich allerdings um eine Art exterritoriale Exklave handeln muss. Lehmann war gefragt worden, ob es ein Problem sei, dass das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft in München stattfinde, in der Stadt also, in der sein Konkurrent Oliver Kahn zu Hause ist und wo Lehmann vor einem Jahr bei der Eröffnung des neuen Stadions massiv angefeindet worden war. „Ich glaube, dass dank der Ticketvergabe auch viele Norddeutsche, Ostdeutsche, Westdeutsche und Süddeutsche da sein werden“, antwortete der 36-Jährige, „und ich glaube nicht, dass ein paar Münchner Fans die Atmosphäre stören werden.“

Jens Lehmann dürfte damit einer der wenigen Menschen sein, die dem komplizierten Vergabesystem für die WM-Eintrittskarten etwas Positives abgewinnen können. Aber es hat ihn noch nie gestört, eine Minderheitenmeinung zu vertreten. Auch im so genannten Torwartstreit hat er sich immer klar positioniert, überraschenderweise pro Lehmann und gegen Kahn, und seinen Kritikern galt diese Überzeugung nur als weiterer Beleg für eine gewisse Schrulligkeit.

Andererseits: Die an Absurditäten reiche Debatte, wer bei der WM im deutschen Tor stehen darf, wird ohnehin nicht als besonders vernunftgeleitete in die Geschichte eingehen. Selbst der Ort des Eröffnungsspiels wurde von den Freunden Kahns als Argument gegen Lehmann angeführt: Man stelle sich nur mal vor, die deutsche Mannschaft spielt in München, und die Fans pfeifen den eigenen Torhüter aus. „Das wird man sehen“, sagt Lehmann. Vor einem Jahr hat er diese unerfreuliche Erfahrung gemacht, als die Bayern ihre Arena mit einem Spiel gegen die Nationalmannschaft einweihten, Kahn das bayrische Tor hütete, Lehmann das der Deutschen und bei jeder Ballberührung ausgepfiffen wurde.

Es ist noch nicht lange her, dass die Nation sich mit Kahn im Rücken irgendwie sicherer gefühlt hätte. Die Deutschen haben ein geradezu mythisches Verhältnis zu ihren Torhütern: Toni Turek war 1954 der Fußballgott, der die unbezwingbaren Ungarn bezwang. Sepp Maier trieb die Holländer 1974 in den Wahnsinn, ohne Toni Schumacher, den Getriebenen, hätten die Deutschen weder 1982 noch 1986 das WM-Finale erreicht und 2002 nicht ohne Kahn, den Titan.

Spätestens seitdem Toni Schumacher 1982 den Franzosen Battiston mit seinem stählernen Becken in die Bewusstlosigkeit gerammt hat und anschließend weiter stoisch auf seinem Kaugummi herumkaute, gilt den Deutschen eine gewisse Freudlosigkeit als Voraussetzung für hervorragende Torhüterleistungen. Jens Lehmann mit seinem Hang zur selbstironischen Betrachtung ist in dieser Hinsicht immer für etwas zu leicht befunden worden. Doch diese Bedenken scheint er nun nachhaltig zerstreuen zu wollen. Bei Lehmann ist in diesen Tagen eine fortschreitende Verkahnung festzustellen.

Ende der vergangenen Woche, im Testspiel gegen Kolumbien, war zum letzten Mal der alte Lehmann zu sehen. Mehrmals eilte er ohne Not aus seinem Strafraum heraus, einmal vertändelte er den Ball und hatte anschließend Glück, dass Rodallega mit seinem Schuss nur knapp das Tor verfehlte. „Da war ich leichtsinnig“, sagte der Torhüter. „Das werden Sie von mir nicht mehr sehen.“

Jens Lehmann galt immer als Gegenentwurf zu Oliver Kahn, als der umgänglichere der Beiden, als jemand, der auch über die Linie seines Strafraums hinausblickt, ein netter Plauderer sein kann und den Menschen beim Gespräch in die Augen schaut. Kahn hingegen hat immer den Eindruck erweckt, dass er nur noch über seine äußere Hülle den Kontakt zur Außenwelt hält. Jetzt aber erweist sich auch Lehmann als Meister darin, alles Unwichtige auszublenden: „Ich war mir dessen gar nicht so bewusst, dass unser Spiel gegen Costa Rica das Eröffnungsspiel der WM ist“, sagte er. „Wichtig ist nur, dass wir mit einem Sieg einen großen Schritt fürs Weiterkommen gehen können.“

Es scheint, als sei Lehmann in genau den Tunnel eingetreten, den schon Kahn vor vier Jahren entdeckt hat und aus dem er die Mannschaft als Vizeweltmeister herausführte. Während der WM hat Kahn nie den Eindruck gemacht, dass ihn irgendetwas von seinem Ziel ablenken könne. So hält es nun auch Lehmann, der mit 36 Jahren zum fünften Mal an einem großen Turnier teilnimmt, am Freitag aber sein erstes Spiel bestreiten wird. „Ich verschwende keinerlei Gedanken daran, wie es war“, antwortete Lehmann, als er auf seine Erfahrungen als Ersatztorhüter angesprochen wurde. „Davon habe ich nichts im Hinblick auf das Spiel am Freitag. Das würde mich jetzt stören.“ Selbst Kahn hatte vor vier Jahren vergleichsweise ausführlich über sein Leiden als Ersatzmann bei den Weltmeisterschaften 1994 und 98 berichtet, als er auf seinem Zimmer vor Frust ins Kissen gebissen habe.

Es gehört auch zu Lehmanns Politik der Stärke, dass er zu Hans-Dieter Hermann, dem Sportpsychologen der Nationalmannschaft, eine gewisse Distanz hält. Hermann sei zwar eine angenehme Erscheinung, aber gesprochen habe er mit ihm in den vergangenen Tagen nicht. Es könnte ihm womöglich als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden. „Ich werde das wahrscheinlich vor dem Endspiel auch nicht machen“, sagte Lehmann. Früher hätte man das vermutlich für einen Versprecher gehalten, doch seitdem Lehmann der bessere Kahn ist, wäre es nur logisch, dass er sich schon jetzt nur noch mit dem Endspiel beschäftigt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben