Sport : Der beste Tennisspieler der Welt verzweifelt am Rätsel der French Open

Jörg Allmeroth

Er hatte die Baseballkappe der Los Angeles Lakers tief ins Gesicht gezogen, schüttelte ein paar Mal seinen Kopf, als spiele er in Gedanken versunken noch einmal die entscheidenden Ballwechsel des abendlichen Dramas auf dem Centrecourt durch. "Ich sitze hier und bin sehr enttäuscht", sagte Pete Sampras, als ihn die ersten Fragen aus dem inneren Zwiegespräch aufschreckten, "die French Open sind wie ein Fluch für mich." 219 Minuten Weltklasse-Tennis im Sand von Roland Garros hatten nicht ausgereicht, das nächste Kapitel einer Chronik von Pariser Fehlschlägen zu verhindern: Einfach unfassbar fand es Sampras, in der ersten Runde mit 6:4, 5:7, 6:7, 6:4, 6:8 gegen den Australier Mark Philippoussis ausgeschieden zu sein. "Der Frust sitzt tief", sagte der beste Tennisspieler der 90er Jahre.

Wenn Wimbledon das Tennis-Paradies ist für Sampras, dann sind die French Open die Hölle. "Ich suche schon seit Ewigkeiten die Steine für das große Puzzle, doch ich verzweifle an diesem Rätsel, das ich nicht auflösen kann. In diesem Leben wird es wohl nichts mehr mit einem Sieg in Paris", sagte der vom Scheitern gekränkte Sampras am Abend der Niederlage im amerikanischen Sender NBC. Drüben in Wimbledon passt in jedem Jahr zusammen, was zusammengehört: Sampras und der Sieg, Sampras und die Ehrenrunde mit dem Silberpokal. Die Gegner schlottern schon, wenn sie das Los mit Sampras zusammenbringt, die Aura des sechsmaligen Champions ist unvergleichlich. "Wenn Sampras das Gras riecht", sagt Andre Agassi, der im letzten Jahr von Sampras im Finale gedemütigte Vizemeister, "wird er zu einer Furie, die keiner stoppen kann." Sampras weiß selbst, wie scharf der Kontrast zwischen Wimbledon und Paris ist: "Hier bei den French Open bin ich nur einer in der Meute. Einer, der verletzlich ist", sagt er, "in Wimbledon bin ich der Anführer."

Sampras hat in Paris nicht die überragende Statur des Siegertypen. Aber für ihn gilt auch das Motto: Erst hat er kein Glück, dann kommt auch noch Pech hinzu. Bei den French Open hat es schon Sieger gegeben, die beim zweiwöchigen Marsch durch das Spielertableau auf keinen gesetzten Spitzenprofi trafen. Sampras musste in seinem stärksten Jahr in Paris 1996 hintereinander die ehemaligen Gewinner Sergi Bruguera und Jim Courier und auch noch seinen Landsmann Todd Martin in fünf Sätzen niederringen, ehe er entkräftet im Halbfinale von Jewgeni Kafelnikow demontiert wurde. "Manchmal glaube ich, es gibt jemanden, der mich hier für meine vielen Erfolge anderswo büßen lässt", sagt Sampras.

Auch in diesem Jahr gibt es in Paris Erstrundenmatches wie das zwischen den Qualifikanten Christian Vinck und Tomas Behrend. Und einen Auftakt-Klassiker zwischen Philippoussis und Sampras, den man später gewiss zu den drei besten Duellen dieses Turniers zählen wird. Nur wird das Sampras nicht trösten, dessen Zeit langsam ausläuft, den einzigen Schönheitsfehler seiner einzigartigen Laufbahn zu tilgen: "Ich werde mir wieder den Kopf zerbrechen, warum es nicht geklappt hat", sagte der US-Amerikaner, der sich aber zu Recht bescheinigte, "einen guten, aufrechten Wettkampf gezeigt zu haben".

"Das Leben geht weiter. Es ist keine Schande, hier nicht zu gewinnen", sagte Sampras, doch an einem Tag, an dem Sampras am oberen Limit seiner Möglichkeiten gespielt hatte, klang das wenig überzeugend. Seit 1996 und der Halbfinalteilnahme hat Sampras die zweite Woche von Paris nicht mehr miterlebt. 1997 Aus in der dritten Runde, 1998 und 1999 Aus in der zweiten Runde, nun sogar der Abschied zum Auftakt. "Es scheint, als würde mein Kampf um diesen Titel immer aussichtsloser", sagt Sampras. Er hat sich aber bisher immer schnell getröstet, ist nach Wimbledon gefahren und hat dort gewonnen.

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