Sport : Der Bewahrer

Walther Tröger ist seit 1992 NOK-Präsident – bei der Wahl heute könnte es eng werden

Benedikt Voigt

Berlin. Nein, sagt die Sekretärin, Herr Tröger stehe in der kommenden Woche nicht für ein Gespräch zur Verfügung. Ja, sagt die Sekretärin, sie wisse schon, dass das unglücklich wirke, wenn Herr Steinbach gleichzeitig mit fast allen Journalisten spreche. Nein, sagt die Sekretärin, es hätten schon so viele angerufen, sie könne leider nichts machen, Herr Tröger wolle nicht.

Seltsam, wie auch eine Absage etwas über einen Menschen erzählen kann. Walther Tröger, 73 Jahre alt, möchte heute in Nürnberg als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) wieder gewählt werden. Dass dieser Fall eintreten wird, ist nicht mehr selbstverständlich, seitdem Klaus Steinbach, 48, ebenfalls seine Kandidatur für den Posten bekannt gegeben hat. Zum ersten Mal in der Geschichte des NOK kann die Vollversammlung zwischen zwei Kandidaten für das höchste olympische Amt im Lande auswählen. Walther Tröger fand das gar nicht so schlimm – zunächst. Doch dann kam der Wahlkampf.

Klaus Steinbach transportierte sein Programm über die Medien. Für Walther Tröger ist das Wort Medien etwas Unangenehmes. Natürlich ist er nach zehn Jahren als Präsident des NOK den Umgang mit Journalisten gewohnt. Doch er ist nicht heimisch geworden in der Öffentlichkeit. Seine Welt ist die olympische Kameradschaft, das informelle Gespräch, die persönliche Abmachung. „Ich stehe nicht am Fenster und halte Reden nach draußen“, sagte er.

Einst wollte Tröger Diplomat werden. Mit nunmehr 49 Jahren als Sportfunktionär ist er diesem Berufswunsch ziemlich nahe gekommen. „Ich bin für eine offene Auseinandersetzung, die nicht über die Medien ausgetragen werden sollte, und für einen Streit, nach dem man sich wieder in die Augen gucken kann“, sagte das Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Sommer. Da hatte er noch die Hoffnung, das Duell auf seine Art über die Bühne bringen zu können. Es kam anders. Der Streit zwischen Kandidat und Herausforderer eskalierte – wohl auch deshalb, weil beide so unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Auf der einen Seite der misstrauische Tröger, auf der anderen der extrovertierte Steinbach. Auf den ersten Blick wirkt die heutige NOK-Wahl wie die Konstellation bei der Bundestagswahl 1998: Amtsinhaber gegen Herausforderer, Alt gegen Jung, Bewahrer gegen Erneuerer. In Wirklichkeit aber ist diese Konstellation nur ein immer wiederkehrendes Prinzip politischer Duelle. Ein normaler Vorgang.

Trotzdem zeigt Walther Tröger Nerven. Im jüngsten NOK-Report geht er erstmals in die Offensive. Der Präsident beklagt, „dass die Präsidentenwahl vielfach zur polemischen Personalisierung zukunftsgestaltender Sachfragen missbraucht wurde“. Ein anderer Artikel des Blattes nimmt deutlich Partei für den Amtsinhaber. Das freilich nahmen Tröger viele NOK-Mitglieder übel. Dass er das vermeintlich neutrale Blatt zur Wahlkampfpostille umfunktionierte.

Dabei könnte der nüchterne Tröger gelassen bleiben. Die Erfahrung spricht für ihn. Das Programm des Herausforderers unterscheidet sich nicht sehr von seiner Amtsführung. Es ist auch schwer, etwas zu ändern, an einer Sportinstitution, deren Hauptaufgabe die Entsendung der Olympiateams ist. Der entscheidende Unterschied zwischen Tröger und Steinbach dürfte die Kommunikation betreffen. Walther Trögers Beziehung zum Deutschen Sportbund (DSB) und dessen Präsidenten Manfred von Richthofen ist nicht erst gestört, nachdem Tröger eine Fusion mit dem DSB verhinderte. Der Noch-Präsident propagiert die Unabhängigkeit des NOK.

Lange hatte Tröger gezögert, ehe er im Juni seine erneute Kandidatur bekannt gegeben hat. Womöglich hat ihn in diesem Punkt der sportpolitische Instinkt getrogen. Die Deutsche Presse-Agentur sieht nach einer Umfrage unter den NOK-Mitgliedern in Nürnberg seinen Gegenkandidaten Klaus Steinbach als Favoriten. Und weil die Olympioniken großen Wert auf Einigkeit legen, gibt es ernste Versuche, den Amtsinhaber zu einem „ehrenvollen Verzicht“ auf die Kandidatur zu bewegen. Tröger aber ist zuversichtlich. Einst hatte Tröger den Korruptionsskandal beim IOC mit den Worten kommentiert: „Ein Gewitter muss immer mal kommen, damit die Atmosphäre gereinigt wird.“

Es könnte sein, dass sich das Gewitter heute über Walther Tröger zusammenbraut.

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