Sport : Der Boris-Becker-Effekt

Szenarien einer Formel 1 ohne Michael Schumacher

Christian Hönicke[Monza]

In der Formel 1, so lautet ein Sprichwort, gibt es niemals genug Zeit. „Jeder Pilot hat seine Zeit“, sagt Flavio Briatore, der Teamchef von Renault, „und Michael ist nicht mehr der Pilot, der er mal vor ein paar Jahren war.“ Während die Formel-1-Welt gespannt auf die für Sonntag anberaumte Erklärung des Rekordweltmeisters zu seinem Karrierefortgang wartet, beschäftigen sich diejenigen, die deren Inhalt zu kennen glauben, bereits mit der Zukunft. „Die nächste Saison könnte die spannendste überhaupt werden“, sagt Briatore und lächelt erwartungsfroh, „fünf oder sechs Fahrer werden um den Titel kämpfen.“ Die Ära nach Michael Schumacher, sie hat längst begonnen.

Zwar überwiegt unter Kollegen vordergründig das Bedauern über den potenziellen Rücktritt des Deutschen, doch wie in vergleichbaren Fällen wird die Branche nicht viel von ihrem kostbarsten Gut an die Trauer verschwenden. „Wenn er weg ist, werden mir eben 21 andere Piloten das Leben schwer machen“, sagt Weltmeister Fernando Alonso nüchtern. Immerhin gibt er zu: „Irgendwie wird sich schon etwas verändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten, weiß ich nicht.“

Vor dieser Frage stehen auch die verbliebenen deutschen Piloten. Die meisten von ihnen wissen, wessen Windschatten sie in die Grand-Prix-Szene gezogen hat. „Natürlich hat er es mir leichter gemacht, Sponsoren und Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt BMW-Testfahrer Sebastian Vettel. „Ohne ihn wäre ich jetzt vermutlich nicht hier.“ Und nicht nur Williams-Pilot Nico Rosberg glaubt, dass es nach dem Rücktritt des siebenmaligen Champions „eine Zeit geben wird, in der die Formel 1 für Deutschland wohl weniger interessant sein wird“. Trotz mittlerweile sieben deutscher Grand-Prix-Piloten hat sich das Interesse bis zuletzt auf den Mann fokussiert, der seit 1991 aus einem Rennsportentwicklungsland eine Weltmacht gemacht hat. Michael Schumacher ist der Boris Becker des Motorsports.

Genau deswegen befürchtet Walter Kafitz auch den Becker-Effekt nach dem Karriereende des 37-Jährigen. „Mein bester Außendienstmitarbeiter geht in Rente“, sagt der Geschäftsführer des Nürburgrings, „natürlich wird das Auswirkungen haben, auch wenn sie nicht so gravierend wie im Tennis sein werden.“ Alles werde davon abhängen, wie schnell ein deutscher Rennfahrer in Schumachers Fußstapfen treten könne, sagt Kafitz.

Der Kampf um das Erbe des siebenmaligen Weltmeisters ist bereits entbrannt, und BMW-Pilot Nick Heidfeld ist sich sicher, „dass es genug Fans geben wird, die wissen wollen, wie es verteilt wird“. Gerade weil sich das Interesse bislang so überproportional auf Schumacher verteilte, sehen die anderen deutschen Fahrer ihre Chance zur Emanzipation gekommen und äußern ihre Trauer entsprechend zurückhaltend. „Wenn man böse ist, könnte man sagen: ein starker Gegner weniger“, sagt Schumachers Bruder Ralf. Der Toyota-Fahrer trägt wie die anderen die Hoffnung in sich, dass der Kuchen vielleicht kleiner wird, sein Stück aber größer. Nick Heidfeld meldete seine Ansprüche auf eine ordentliche Portion bereits mit der Ankündigung an, in Kürze um den Titel fahren zu wollen – was umgehend den Konter von Nico Rosberg nach sich zog: „Ich hoffe, dass ich der nächste Deutsche sein werde, der um die WM fährt.“ Das Interesse der Landsleute an diesen Erbfolgekämpfen wird sich auch auf die weitere Berichterstattung im deutschen Fernsehen auswirken. Der Vertrag von Schumachers Haussender RTL läuft Ende 2007 aus, und eine Verlängerung hängt von den Quoten in der vermutlich ersten Saison ohne Schumacher ab.

Bernie Ecclestone dagegen muss um sein Produkt nicht bange sein. Der Formel-1-Boss drückt zwar pflichtschuldig seine Trauer darüber aus, möglicherweise „einen Superstar wie Michael zu verlieren“. Doch er weiß, was jeder in der Formel 1 weiß und der dreimalige Weltmeister Jackie Stewart ausspricht: „Die Formel 1 ist größer als ein Einzelner. Sie hat den Abgang von Fangio und den Tod von Clark und Senna verkraftet, und sie wird auch Schumachers Rücktritt überstehen.“ Oder wie Sebastian Vettel es ausdrückt: „Die Autos werden auch ohne Michael immer noch im Kreis fahren.“

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