Sport : Der Boss geht – doch geht auch die Krise?

Joachim Schmidt wird Aufsichtsratschef beim VfB Stuttgart, ein neuer Präsident ist noch nicht in Sicht.

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Stuttgart - Selten hat der Rücktritt eines Aufsichtsratschefs im deutschen Fußball wohl eine solche Erleichterung im Umfeld eines Klubs ausgelöst wie der von Dieter Hundt beim VfB Stuttgart. Joachim Schmidt übernimmt sein Amt sofort und bis zur Mitgliederversammlung 2014. Darauf einigten sich die Aufsichtsratsmitglieder einstimmig. „Ich freue mich auf diese Aufgabe und sehe sie auch als Chance. Gemeinsam müssen wir jetzt dafür sorgen, dass der VfB Stuttgart möglichst schnell in ruhigere Fahrwasser kommt“, sagte der Vertriebschef von Mercedes. Schmidt war bislang Hundts Stellvertreter .

Nach Hundts Rücktritt macht sich beim VfB Aufbruchstimmung breit. Monatelang schien der Klub in einer Schockstarre gefangen. Nun aber wächst in Stuttgart die Chance, dass am 22. Juli ein neuer Präsident gewählt werden kann und die Mitgliederversammlung des Bundesligisten nicht in unkontrollierbarem Durcheinander versinkt, das die Ära Hundt auszeichnete. Zuerst musste der ehemalige Porsche-Marketingchef Gerd Mäuser auf massiven Druck von Fans und Sponsoren nach nur zwei Jahren als Präsident zum Rücktritt gezwungen werden. Jetzt folgte Hundt nach elf Jahren an der Spitze des Aufsichtsrats. Ebenfalls nicht freiwillig.

Nachdem Schmidt nun auf Hundt folgt, soll Schmidt in den nächsten Tagen einen Nachfolgekandidaten für das Präsidentenamt benennen. Dass sich bisher kein williger Kandidat hat finden lassen, verdeutlicht die verworrene Lage am Neckar. Vor allem Hundt wird für den Entscheidungsstau verantwortlich gemacht. Der mächtige Funktionär hatte die Sache im Alleingang regeln wollen, obwohl er vor zwei Jahren in einer turbulenten Versammlung Mäuser gegen Widerstand durchgeboxt hatte und nur knapp seiner eigenen Abwahl entgangen war. Alle Kandidaten für das Präsidentenamt fürchteten als Hundts Kandidat abgestempelt zu werden und bei der Wahl am 22. Juli durchzufallen.

Zuerst gründete man in Stuttgart eine Präsidenten-Findungskommission, die unter Getöse auf Hundts Betreiben wieder aufgelöst wurde. Personalberater sollten zusätzlich geeignete Kandidaten finden. Dann kam es zum offenen Aufstand gegen Hundt, als der Ehrenrat des Klubs seinen Rücktritt forderte und sich Manager Fredi Bobic weigerte, Anträge zu Hundts Abwahl für den Versammlungstermin am 22. Juli abzulehnen. Mehrfach weigerte sich Hundt zurückzutreten, obwohl ihn immer mehr hochrangige Stuttgarter Funktionäre dazu aufforderten.

Nun kam der Abgang überraschend schnell und fiel reichlich bizarr aus. Der 74-Jährige trat während einer Geschäftsreise in Mexiko zurück. Am Montagnachmittag traf in der Klubzentrale eine E-Mail mit der Rücktrittsnachricht ein. Hundt hatte tatsächlich in Mexiko zu tun, dennoch wirkte die Sache wie die Flucht eines Mannes, der die Distanz zur Heimat brauchte, um seine ausweglose Lage zu erkennen – und seiner Demontage zuvorzukommen. Jetzt sei der Weg frei für einen Neuanfang, sagte Manager Bobic, der im April in den VfB-Vorstand berufen worden war. „Jetzt geht es nicht mehr darum, was war, sondern darum, nach vorne zu blicken.“

Ende September wird Dieter Hundt 75 Jahre alt, und bald danach wollte er als Arbeitgeberpräsident und Aufsichtsratschef abtreten. In dieser Funktion war Hundt beim VfB Stuttgart bis 2014 gewählt. Nun wird er seine in Auftrag gegebene Biografie zumindest in den Kapiteln, die den VfB Stuttgart betreffen, ändern müssen. Hundt stand zusammen mit Gerd Mäuser für den kompromisslosen Stuttgarter Weg des Sparens, der, so finden viele Kritiker, den Klub ins Mittelmaß und eine tiefe Identitäts- und Führungskrise geführt hat. Oliver Trust

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