Sport : Der Branche zum Trotz

Herthas Manager Dieter Hoeneß hält lange an seinen Trainern fest – auch in schwierigen Zeiten

Michael Rosentritt

Berlin - Tief in seinem Innern ist Dieter Hoeneß wohl davon überzeugt, dass es selten am Trainer liegt, wenn eine Mannschaft abstürzt oder weit unter ihren Möglichkeiten bleibt. Dennoch liegt seine jüngste Trainerentlassung gar nicht lange zurück. Zu Ostern entließ er Falko Götz. Götz sei ein guter Trainer, ein Fachmann, aber zwischen Götz und der Mannschaft habe es zwischenmenschlich nicht mehr gestimmt, lautete die Begründung. Sein einziger Fehler sei gewesen, so sagte es Herthas Manager auf der Mitgliederversammlung, Götz nicht schon früher entlassen zu haben.

Dieter Hoeneß steht nicht gerade im Ruf, ein flinker Trainerkiller zu sein. In Jürgen Röber, Huub Stevens und Götz hat er in zehn Jahren lediglich drei Trainer entlassen. Und mit dem neuen Coach Lucien Favre plant er langfristig. „Mit ihm wollen wir die Mannschaft entwickeln“, sagte Hoeneß am Freitag.

Der bis heute erfolgreichste und am längsten tätige Trainer Herthas seit dem Aufstieg ist einer, für den Dieter Hoeneß gar nichts kann: Jürgen Röber. Der war schon da, als Hoeneß kam. Röber hatte die Mannschaft Anfang 1996 in der Zweiten Liga übernommen, er führte sie in die Bundesliga und erreichte 1999 sogar die Champions League. Anschließend langte es noch zu zwei Teilnahmen am Uefa-Cup (2000 und 2001). Im Oktober 2001 bot Röber Hoeneß erstmals seinen Rücktritt an. Hoeneß kämpfte um seinen Trainer, bewog ihn schließlich zum Weitermachen. Zwei Monate später erklärten beide, sich im darauffolgenden Sommer zu trennen. Doch diese Konstellation, die in der Politik als lahme Ente bezeichnet wird, scheiterte. Bereits im Februar 2002 zog Hoeneß den Schlussstrich. Hoeneß traute Röber nicht zu, die Mannschaft weiterentwickeln zu können. Röber sei zwar ein guter Trainer, aber nicht derjenige, der Hertha wieder in die Champions League führt. Rückblickend sagte Röber einmal, dass zwar stets seine Qualität in Frage gestellt wurde, aber nie die der Mannschaft.

Hoeneß träumte von der Fahrt mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor. Genau zu diesem Zwecke wurde er sich mit Huub Stevens einig. Mit dem Niederländer, der Schalke zum Uefa-Cup-Sieg und zur Vier-Minuten-Meisterschaft geführt hatte, versprach sich Hoeneß, eine neue Entwicklungsstufe zünden zu können. Die ganze Liga werde Hertha um diesen Trainer beneiden, sagte Hoeneß. Doch das Gegenteil trat ein. Stevens kam nicht an, vor allem nicht bei den Fans.

Erst nach dessen Entlassung im Dezember 2003 gab Hoeneß zu, dass er ein paar Dinge falsch eingeschätzt hatte. Stevens kam von Schalke und galt nicht gerade als Mediendarling. Stevens hatte von Anfang an wenig Kredit im Umfeld des Vereins. Zudem hatte sich als Bürde erwiesen, dass Falko Götz, der Brückentrainer zwischen Röbers Entlassung und Stevens Anstellung, erfolgreich gearbeitet und Hertha ein drittes Mal in den Uefa-Cup (2002) geführt hatte. Götz galt als Wunschtrainer der Spieler und Fans.

Wieder kämpfte Hoeneß um seinen Trainer. Trotz massiver Kritik hielt er am Niederländer fest, schließlich hatte er sein eigenes sportliches Schicksal mit dem von Stevens verknüpft. Hoeneß gab sich in dieser Zeit als einer, der den ungeschriebenen Gesetzen der Branche trotzte, der standhaft blieb trotz aller Anfeindungen. Hoeneß bereicherte den deutschen Fußball um ein Ultimatum. Stevens musste zwei Spiele gegen Hansa Rostock hintereinander gewinnen – es gelang. Hoeneß sprach immer von einer „ultimativen Vereinbarung“ mit Stevens, gegen das Wort Ultimatum sträubte er sich noch, als Stevens längst die Stadt verlassen hatte.

Hans Meyer kam zu Beginn des Jahres 2004 und rettete den Verein in schwieriger Lage, 13 Pünktchen hatte Hertha bei Saisonhalbzeit. Meyer schaffte es. Hertha hielt die Klasse. Sportlich und wirtschaftlich lag der Verein am Boden. Nach dem Flop mit Stevens war Hoeneß nie einem Trainer so ausgeliefert wie Meyer. Ein Abstieg hätte vor Hoeneß nicht Halt gemacht. Meyer erzählte später, dass er von Hoeneß immer unterstützt worden sei. „Er hat gewusst, dass von mir, von meiner Art und meiner Akzeptanz bei der Mannschaft sehr viel abhängen wird“, sagte Meyer hinterher. Hoeneß hätte Meyer gern behalten, wusste in der Hinterhand aber Falko Götz.

Götz’ Verpflichtung im Sommer 2004 wurde von den Fans gefeiert. Zweimal erreichte Hertha unter ihm den Uefa-Cup (2005 und 2006 über den Umweg UI-Cup), die Rückrunde der gerade abgelaufenen Saison geriet allerdings zum sportlichen Desaster – zwischen Trainer und Mannschaft war es im zwischenmenschlichen Bereich zu einem tiefen Bruch gekommen.

Auf der Mitgliederversammlung vor wenigen Wochen kündigte ein angeschlagener Dieter Hoeneß eine schonungslose Analyse an. Er werde vor der einen oder anderen „Grausamkeit nicht zurückschrecken“. Damit meinte er wohl die Mannschaft, die von manchen im Umfeld des Vereins schon als untrainierbar eingestuft worden war.

Die wohl treffendste Analyse lieferte Hans Meyer im Sommer 2004. Bei Hertha würden Anspruch und Wirklichkeit zu weit auseinander liegen. Herthas Probleme hätten selten etwas mit fußballerischer Klasse zu tun, sondern eher damit, dass viele glaubten, sie seien viel besser. Vielleicht kommt da der akribische Trainer-Realist Favre ganz recht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben