Sport : Der brasilianische Patient

Hat Hertha im Fall Marcelinho gewissenhaft gehandelt?

Michael Rosentritt

Eine Woche ist es her, dass sich Marcelinho den Fuß brach. Im Spiel gegen Bremen blieb Herthas Mittelfeldspieler im Rasen hängen. Sechs Wochen lang muss er einen Gips tragen. War es fahrlässig, den Brasilianer spielen zu lassen? Hatte nicht Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher eine Kernspintomografie durchführen lassen, weil Marcelinho wegen einer Schwellung einige Tage nicht trainieren konnte?

Noch am Tag des Vorfalls stellte sich Herthas Mannschaftsarzt den Fragen. Ob er sich Vorwürfe mache. „Keineswegs“, antwortete Schleicher, „Marcelinho war am Freitag schmerzfrei, beim Aufwärmen hatte er ebenfalls keine Beschwerden.“ Schleicher bestritt auch nicht, dass der Fuß des Spielers vorgeschädigt war. „Es war eine Mischung zwischen einer Prellung und einem Bruch. Die Alternative wäre gewesen, vor einer Woche das zu tun, was jetzt getan wurde – sein Bein für mehrere Wochen in Gips zu legen.“ Mit anderen Worten: Hertha muss nun nur eine Woche länger auf Marcelinho warten.

Bernd Kabelka hält die Entscheidung für vertretbar. Der Orthopädie-Professor aus Hamburg erinnert sich an den Fall eines Eishockeyspielers. Zwei Spiele bestritt der sorgenfrei, im dritten bekam er einen Puck gegen den Fuß, der dann brach. „Vermutlich war der Fuß angebrochen, aber auf dem Röntgenbild war nichts zu sehen. Selbst die Aufnahme der Kernspintomografie war dahingehend nicht interpretierbar“, sagt Kabelka. Bei Marcelinho werde es ähnlich gewesen sein: „Ich kann nur vermuten, aber der Verlauf deutet darauf hin, dass der Fuß geschädigt war. Sonst kommt es nach einer läppischen Bewegung nicht zum Bruch.“

Schleicher hatte gesagt, dass er nicht auf Druck hat Marcelinho spielen lassen: „Weder der Manager noch der Trainer haben mich gedrängt.“ Daran besteht laut Kabelka kein Zweifel: „Als Arzt eines ambitionierten Bundesligisten legt man sich den Druck selbst auf.“ Eine ähnliche Ansicht hat Professor Jörg Scholz, Direktor der Klinik für Orthopädie des Auguste-Viktoria-Krankenhauses in Berlin. „Mal ganz theoretisch: Wenn man die Kernspinbilder eindeutig als Haarriss interpretiert, dürfte der Spieler nicht spielen.“ Auch für den Berliner Spezialisten hat Herthas Mannschaftsarzt „gewissenhaft“ gehandelt. „Wenn die Aufnahmen nicht eindeutig interpretierbar sind, also ein Haarriss oder aber Anbruch nicht als solcher zu erkennen ist, ist eine solche Entscheidung zu verantworten.“

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